Veloreise zu Corona-Zeiten – eine echte Tortur

Sechs Monate radelt Fabian Prosek auf seinem Velo durch Länder und Kulturen. Doch dann kam das Coronavirus. Geschlossene Grenzen, Abführung durch Polizeieskorten und nicht ernst zu nehmende Ärzte stellen den ehemaligen Veloplus-Mitarbeiter auf die Probe. Fabian sitzt in Indien fest, bricht seine Reise nach 7 Monaten ab und kriegt gerade noch den letzten Flieger in die Schweiz. Ein Einblick in ein Veloreise-Tagebuch zu Corona-Zeiten.

Fabian Prosek (pinker Helm) erlebt auf seiner Reise die Gastfreundschaft unzähliger Menschen hautnah.

Fabian Prosek ist ein junger, abenteuerlustiger Zeitgenosse. Bis im Frühjahr 2019 arbeitete er bei Veloplus, dann zog ihn die grosse weite Welt für eine längere Reise aufs Velo. Von der Schweiz wollte er bis nach Bangkok (Thailand) fahren. Fast hätte er es geschafft. Aber im 2020 ist eben nichts mehr so, wie es einmal war. Nach 7 Monaten ist er in Indien gestrandet und sitzt fest. Und weil er keine Lust hat, über Wochen irgendwo hilflos ausgeliefert zu sein, entscheidet er sich, die Reise abzubrechen und schnellstmöglich – so lange überhaupt noch möglich – in die Schweiz zurückzufliegen. Wenige Tage nach seiner Abreise aus dem indischen Bundesstaat Assam in Guwahati verhängte Premierminister Narendra Modi für 1,3 Milliarden Inder eine 21-tägige Ausgangssperre. Doch der reihe nach.

1. Januar 2020

Wie so üblich verliert man sich bei einer Weltreise ziemlich schnell in seiner eigenen kleinen Welt, die man sich mit der Zeit aufgebaut hat. So auch bei mir – all die Flutwellen von News und Informationen der ganzen Welt dringen nur selten bis zu mir durch. Doch die alarmierenden Nachrichten vom Covid-19 erreichen mich zu Jahresbeginn sogar im abgelegensten Winkel Pakistans. Die Situation kann ich indes nicht einschätzen, also befasse ich mich weiter mit meinen eigenen Problemen, wie zum Beispiel mit den Fragen: Wo gibt es Essen, Trinken oder Strom?

Meine Einstellung ändert sich jedoch, als die Informationen direkt von meiner Familie an mich gelangen und ich somit der Ernst der Lage langsam begreifen werde. 

3.Februar 2020

Mit meinem Reise-Buddy überquere ich den Wagah Border von Pakistan nach Indien. Nach einer sehr herausfordernden Zeit in Pakistan sind wir nun glücklich, in einem neuen Land angekommen zu sein. Vom Covid-19 haben wir schon länger nichts mehr gehört und sind mit unseren Gedanken deshalb ganz wo anders. Wie gewöhnlich beschäftigen wir uns in der neuen Umgebung mit der Besorgung einer SIM-Karte, dem Geldwechseln und Hostel buchen. In den Unterkünften für Reisende trifft man immer wieder auf die unterschiedlichsten Menschen aus allen Ecken der Welt. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen. So vergeht die Zeit im Nu. Ich erinnere mich, dass einmal kurz das Thema Virus aufkam. Mehr jedoch nicht. Wir sind in der eigenen Welt…

18. Februar 2020

Timo und ich haben es nach Nepal geschafft! Gemeinsam suchen wir das Regierungsgebäude, damit uns die Verantwortlichen das Visum erteilen können. Aber jene Häuser sind schwer zu finden, da sie sich nicht von den normalen Blechhütten der Einwohner unterscheiden. Wir bemerken jedoch, dass das Militär sowie sämtliche Angestellte vom Staat Schutzmasken trugen. Es ist unser erster direkter Kontakt mit den Auswirkungen des Covid-19. Ein paar Tage später erreicht uns die Nachricht, dass der Iran schwer vom Ausbruch betroffen ist, worauf wir uns bei unseren ehemaligen Gastgebern und Familien, die wir im Iran ins Herz geschlossen haben, melden. Die Telefonate und Chats sind voller Angst und Unsicherheit der Betroffenen. Keiner weiss, wie sich die Lage entwickeln wird. Für uns bedeutet dies, dass wir von unserem Zuhause abgeschnitten sind und kein Landweg mehr zurückführt.

5. März 2020

Ich habe Nepal durchquert und befinde mich wieder an der Grenze zu Indien. Der Grenzübergang verläuft problemlos und so radle ich auf dem Weg nach Siliguri. Ich erhalte neue Informationen zur aktuellen Lage in der Schweiz, doch für mich klingt alles so unglaubwürdig. Als ich auf die Strasse gehe, befinde ich mich unter Tausenden von Menschen, die ihrem gewohnten Alltag nachgehen – und ich bin Mitten im Geschehens. Kurz darauf erfahre ich, dass Italien mittlerweile ebenfalls zu den schwer betroffenen Ländern gehört. Ich fragt mich, wie das so schnell passieren konnte. Zeitgleich erhalte ich laufend Anrufe und Nachrichten von Personen aus meinen durchreisten Ländern, die sich um mich sorgen. Und so bemerke ich, wie nahe ich am Virus bin: China liegt nur 300 km neben mir. Und die westlichen Länder melden immer mehr kranke Personen. Was tun? Ich weiss es nicht…

14. März 2020

Ich übernachte in einem leeren Government Resthouse. Nach dem Abendessen verkriech ich mich um 20 Uhr in den Schlafsack und kippe erschöpft in den Schlaf. Um 21 Uhr steht plötzlich ein Mann in meinem Zimmer und weckt mich auf. Mit seinem brüchigen Englisch erklärt er mir, dass ich mit seinem Bruder, der Doktor sei, telefonieren müsse. So telefoniere ich und erkläre ihm, dass ich gesund bin. Anscheinend wurde ich von besorgten Anwohnern beobachtet, als ich das Gebäude betreten habe. Aber nun gut, das ist geklärt. Ich schlafe weiter. Um 23 Uhr weckt mich ein Mann mit Mundschutz auf. Mit zwei Polizisten will er mich von dem Dorf 40 km nach Guwahati bringen, um mich testen zu lassen. Ich erkläre ihm lautstark, dass dies auch bis am Morgen warten kann! Ich zieh den Reisverschluss meines Schlafsacks bis über mein Gesicht, um dem grellen Schein der Taschenlampen zu entkommen. Die Polizisten ziehen ab. Ich schlafe weiter.

15. März 2020

Um 8 Uhr steht das Kommando wieder an meiner Pritsche und will mich nach Guwahati mitnehmen. Da mein Ziel derselbe Ort ist, will ich mein Fahrrad gleich im Krankenwagen mitnehmen, doch aus irgendeinem Grund darf ich das nicht. So muss ich mein Fahrrad in einem kleineren Krankenhaus im Dorf deponieren und habe ein ziemlich schlechtes Gefühl dabei. Denn ich weiss nicht, wie und ob ich hier her zurückkehren kann. Meine Begleitung hat sich mittlerweile in die bekannte „Anti-Virus-Uniform“ gezwängt und will noch ein paar Selfies mit mir machen. Auch das halbe Dorf ist um mich versammelt, um das Schauspiel live mitzuerleben. So ging es 40 km mit Blaulicht nach Guwahati. In der Ankunftshalle warte ich 4 Stunden unter Dutzenden von Kranken und verletzten Menschen, die überall herumlagen. Zu meinem eigenen Schutz hole ich mir aus einem leeren Büro eine Schutzmaske und Handschuhe. Dann kommt der Arzt und fragt: „Warum bist du hier?“ Ich erwiedere: „Keine Ahnung.“ Er: „Bist du gesund?“ Ich: „Ja.“ Dann füllt er mir einen Zettel aus, dass ich gesund bin. So geht es um 14 Uhr, nach 4 Stunden, im Krankenwagen zurück.

Auf der Rückfahrt legen wir für meine Begleiter eine Mittagspause ein, wobei ich im Wagen warten darf. Ich bin angepisst und mit nur einem kleinen Morgenessen im Magen so was von genervt. Meine Geduld ist am Ende! Ich krieche in die Fahrerkabine, greife zum steckengelassenen Schlüssel, betätige die Zündung und hupe so lange, bis meine Begleitung angelaufen kommt. Weiter geht die Fahrt.

Um 16 Uhr sind wir wieder bei meinem Velo, doch es ist zu spät, um weiter zu fahren. Aber ich darf auch nicht mehr im Government Resthouse schlafen, da die Anwohner Angst vor mir haben und mich vertreiben wollen. Mir ist allerdings nicht nach diskutieren. Ich habe meine eigenen Probleme, denn die Grenze zu Myanmar und Thailand sind inzwischen geschlossen. Ich komme nirgends hin. Ich sitze fest.

16. März 2020

Kaum komme ich bei einem Hostel an, rennt mir der Besitzer entgegen und will mich wegschicken, da er neu keine Reisenden mehr aufnehmen darf. Ich zeige mein Papier und diskutiere ein wenig, dann lässt er mich einchecken. So verbringe ich die letzten Tage im Hostel und gehe nur noch zum Essen holen auf die Strasse. Der Hostel-Besitzer ist kurz vor dem Aus, weil er keine Gäste mehr beherbergen kann, die Markthändler auf der Strasse sind noch aufdringlicher, weil sie nichts mehr an Touristen verkaufen können und ich muss zusehen, wie jeden Tag mehr und mehr Flüge in die Schweiz gestrichen werden.

Verzweifelt telefoniere ich mit Fluggesellschaften, Botschaft und dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), doch die Leitungen sind überlastet und wenn ich durchkomme, kann mir niemand weiterhelfen. Ich steckte fest. An diesen Tagen höre ich von anderen Radreisenden, die an der Grenze zu Myanmar kampieren, bis sie passieren können. Aber dies sorgt immer wieder zu Problemen mit dem Militär und der Grenzwache. Es hätte jeder Zeit eskalieren können und ist für mich somit kein Thema.

18. März 2020

Ich bin wieder einmal auf der Strasse und suche nach einem Restaurant. Die Einheimischen mustern die Touristen noch genauer. Einige machen Witze, indem sie „Corona“ rufen und auf mich zeigen. Dennoch bin ich überrascht, wie gelassen die Bevölkerung mit der Situation umgeht. Es sind nur die Angestellten vom Staat, die Panik verbreiten. So stehen auf den Strassen Kanister mit Seifen und vor den grossen Einkaufszentren Angestellte, die den Kunden Desinfektionsmittel auf die Hände sprühen. Man merkt aber, dass Indien besser auf die Umstände vorbereitet ist und die Leute besser damit umgehen können. Denn keiner kauft die Regale leer, keiner dreht durch. Bei dem was ich aus der Schweiz höre, fragte ich mich, ob ich nicht lieber hierbleiben möchte. Doch meine Familie braucht mich. Und ich brauche sie. Meine Reise ist zu Ende. Urplötzlich nach 7 Monate. Denn ich will die letzte Chance bzw den letzten Flieger in die Schweiz nehmen, bevor Indien alles abriegelt.

Ich hoffe, dass sich bei meiner Ankunft in der Schweiz alle dem Ernst der Lage bewusst geworden sind und sich die Leute an die Anforderungen unserer Regierung halten, um die Situation in den Griff zu bekommen. Wenn ich nach sieben Monate Radreisen etwas gelernt hatte, dann ist es die Tatsache, dass es für uns nur eine Zukunft geben wird: Eine, in der wir anfangen, mehr zusammen zu arbeiten und aufeinander zu hören. Und das Covid-19 wird wohl nur ein kleiner Test sein, ob wir dazu in der Lage sind.

2 Kommentare

Coni Wirz
27. März 2020

Hoi Fabian, danke viel mal für dini Film wo mir immer wieder händ dörfe luege. Mit Fiebere wie’s dir gaht? Visum? Übercho ja nei? Han viel mit gfieberet und ungeduldig uf neui Infos vo dir gwartet. Han au en Sohn und wott nid wüsse was dis Mami mitgmacht hät, (bine ehmaligi Mitarbeiterin vo dim Mami) han mega mit ihre Gfühlt! Sie isch mega mega stolz uf dich! Obwohl ich dich nid kenne, du häsch das mega gmacht, und immer oder mindestens fascht immer am strahle. Schön dass du wieder da bisch!!! Alles gueti für Zukunft.Coni

Prosek Barbara
7. April 2020

Hallo Fabian, mit grossem Interesse habe ich deinen Blog gelesen. Er ist sehr spannend geschrieben und man kann sich in etwa vorstellen, was bei dir in den letzten Tagen in Indien abgegangen ist. Wir haben deine ganze Veloreise mit dir mitgefiebert und die vielen super Videos von dir mit Spannung angeschaut. So konnten wir an deiner Reise auch etwas teilnehmen. Wir sind sehr froh dass du gesund und munter wieder zu Hause bist und du gerade noch rechtzeitig aus Indien ausreisen konntest. Liebe Grüsse Barbara

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