Die Veloplus-Kund:innen Ladina und Philipp reisten von April bis Juli mit dem Velo von der Schweiz bis nach Island. In ihrem Reisebericht erzählen sie vom Kampf gegen die Elemente, eindrücklichen Zeltplätzen und besonderen Begegnungen.
Reisebericht von Ladina und Philipp
Auf dem «Landweg» nach Island
Links der Gletscher, rechts Moosland, dazwischen stehen wir mit tauben Füssen auf der Strasse, klammern uns am Velo fest und stämmen uns gegen den Wind, der uns heute schon mehrfach von der Strasse gedrückt hat. Für einen kurzen Moment stellen wir uns die Frage, die wir alle kennen: was machen wir hier eigentlich? Aber starten wir doch ganz von vorne…
Teil 1 – Von Winterthur nach Hirtshals (DK)
Anfang April, bei strahlendem Sonnenschein, fahren wir beim Veloplus in Winterthur vor. Die Velos sind bepackt, wir pumpen nochmals auf vier Bar und besorgen uns ein Paar warme Socken – schliesslich fahren wir nach Norden. Unsere Route führt uns entlang dem Rhein nach Basel, auf der Eurovelo 5 an den Vogesen vorüber und dann auf dem Maasradweg (EV19) nach Belgien. Via Brüssel und Antwerpen geht’s in die Niederlande und dort immer nordwärst bis wir an der Grenze zu Deutschland ans Wattenmeer kommen. Wir folgen ab Leer der Nordseeküsten-Route (EV12) und schwenken an der Elbe auf die Eurovelo 3, den Ochsenweg, um. Dieser führt uns quer durch Dänemark bis zum nördlichsten Punkt des Landes. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung zum Fährhafen in Hirtshals.


Von Velowegen der Extraklasse und dem Küssen von Strassenschildern
Wir wohnen in der Velostadt Winterthur, doch was wir in Belgien, den Niederlanden und Dänemark antreffen, haut uns aus den neuen Socken. Velo-Schnellstrassen für Pendler:innen und Vortrittregelungen aus dem Gümmeler-Paradies, gratis Parkhäuser und eine idiotensichere Signalisierung lassen uns immer wieder mit offener Kinnlade dastehen. Während bei uns der Ausbau des Velonetzes wegen einiger Parkplätze zu stocken droht, perfektionieren die Belgier und Niederländer ihr Knotenpunktsystem, bauen einen leuchtenden Van-Gogh-Radweg und schwebende Velo-Kreisel. Und so fühlen wir uns für einige Wochen wie im Paradies und hoffen, dass auch die Schweiz bald auf den Zug, ääh.. das Velo aufspringt.
Bereits am zweiten Tag flicken wir den ersten Platten, jenen von Eugen, einem französischen Rentner auf seinem Peugeot-Oldie, welcher uns dankend zwei lauwarme Waffeln entgegenstreckt. Unsere Marathon-Plus Finken halten bis zum Schluss dicht, fast etwas langweilig. Einige Wochen später knallts dann das erste Mal und Philipp sitzt auf dem Sattelrohr: Schraubenbruch. Zum Glück ist die Velomech-Dichte in Belgien genauso gut wie das Velonetz und wir rollen gemütlich den Hügel hinab ins nächste Dorf, die Schraube wird ausgetauscht und wir können weiter düsen. Bis zum nächsten Knall vergehen einige Wochen, dafür ist dieser umso heftiger. Noch etwas verträumt fahren wir in Flensburg die Hauptstrasse entlang und lassen den Blick über die pittoreske Hafenstadt schweifen und plötzlich liegen wir beide in Kreuzbeige übereinander, die Fahrräder über uns, Passanten eilen herbei. Philipp kollidiert volle Socke mit einem (aber auch wirklich doof platzierten!) Strassenschild, Ladina donnert hintendrein und so liegen wir da auf den Radweg und lecken unsere Wunden. Glück im Unglück: neben der verbogenen Schaltung, zwei kaputten Taschen, einigen Prellungen und etwas Lackschaden ist nichts Ernsthaftes passiert. Es soll das letzte Malheur der Reise bleiben.

Im Zelt zuhause
Ob auf Zeltplätzen, bei Warmshower-Hosts oder wild mitten im Wald, das Zelt war schon immer unser liebstes Hotelzimmer. Auf dieser Reise lernen wir weiter dazu und entdecken neue Arten des Konzepts Camping.
In Leerdamm (NL) fahren wir per Zufall einen Zeltplatz an, welcher idyllisch in einem Wäldchen versteckt alles bietet, was ein Velo-Herz begehrt. Aussenküche mit Gemeinschaftsbereich, einfache und naturnahe Infrastruktur und Menschen vom gleichen Schlag. So lernen wir die Natuurkampeerterreinen kennen, ein Netzwerk von grossartigen Zeltplätzen in den ganzen Niederlanden, ohne Schnickschnack, ökologisch und günstig. Die nächsten Tage planen wir unsere Route entlang dieser Plätze, schlafen direkt am See, Kochen in einer Jurte, machen umringt von Hühnern Pause auf einem Bauernhof und knüpfen neue Freundschaften.
In Norddeutschland nutzen wir erstmals die Plattform 1NiteTent, wodurch wir einige Nächte bei spannenden Menschen im Garten gratis das Zelt aufschlagen dürfen. Von unserem Host Björn werden wir belehrt, dass das in den letzten Tagen noch nicht als Wind gelte, «wenn’s hier windet, haben die Schafe keine Locken mehr.»
In Schleswig-Holstein entdecken wir dann die Trekkingplätze von WildesSH. Markierte Plätze, auf denen man unangemeldet nächtigen darf, auf einem Hof gabs sogar eine Dusche!
Und dann kommen wir nach Dänemark zu den langersehnten Shelterplätzen. Jeden Abend steuern wir mit Hilfe der App «Shelter» eine der tausenden, einfachen Holzhütten an, welche oft mit WC, Feuerstelle und Trinkwasser ausgestattet sind. Mal direkt am Meer, mal in einem Park oder im Wald gelegen geniessen wir diese gratis Infrastruktur, welche direkt auf die Wunschliste für die Zukunft-Schweiz gesetzt wird.

Teil 2 – Rund um Island
Bereit fürs nächste Abenteuer schiffen wir in Hirtshals in die Norröna ein. Bis zum Hals mit Snacks und Lektüre eingedeckt verbringen wir drei Tage bei Kartenspielen, Saunieren, Lesen bei 360° Meerblick, Pubbquiz und kurzem Landgang auf den Färöerinseln. Fast etwas zu zeitig tauchen plötzlich Berge auf, die vor uns aus dem Wasser ragen. Schroffe, wilde Zungen, noch von Schnee und Eis überzogen, ragen tief ins Meer hinein und wir erstarren nicht zum letzten Mal vor Ehrfurcht. Plötzlich sind da Mooshügel, Wasserfälle und die kleinen roten Häuser aus den Bildbänden, die bei unseren Grosseltern im Regal stehen. Wir sind auf Island!
Routenwahl
Plant man eine Velotour auf Island, ist man zügig mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens konfrontiert. Rechts- oder linksherum, Schotter oder Asphalt, Trockenfutter oder Tankstellen-Hot Dogs. Schnell müssen wir unseren Traum vom Hochland begraben, zu viel Schnee und reissende Flüsse zwingen uns auf die Ringstrasse, welche durchgehend asphaltiert und leider ohne Fahrradstreifen die Lebensader der Insel darstellt. Also Asphalt und Hot Dogs, jetzt bleibt nur noch die Uhrzeigerrichtung und hier scheiden sich die Geister. Nach ausgiebigen Studien von Reiseberichten und Wetterprognosen werfen wir eine Münze und fahren ab Seydisfjördur linksrum Richtung Akureyri und wir werden mit für Island günstigen Winden belohnt.
Je näher man Reykjavik kommt, desto mehr werden Möglichkeiten gesucht, der Ringstrasse zu entfliehen. Dichte Kolonnen an Mietfahrzeugen und Campern drücken sich von einem Naturschauspiel zum nächsten und so lassen wir den golden Circle golden Circle sein und kämpfen uns stattdessen durch teils tiefen Schotter, entdecken ruhigere, zerklüftete Fjorde und machen Abstecher ins wilde Inland, soweit es die Bedingungen erlauben. Hier ergötzen wir uns an unberührter Natur, Flüssen, die sich den Platz nehmen, der ihnen zusteht, massiven Gletschern und giftgrünen Mooslandschaften, schwarzen Lavawüsten und Basaltsäulen, welche einer anderen Welt entsprungen scheinen. Ab Höfn entspannt sich die Ringstrasse deutlich und so schliesst sich der Kreis langsam aber stetig.

Sonne, Schnee, Sturm und ganz viel Regen
Die Challenge «Wetter» war eine Hauptmotivation, welche uns nach Island führte. Nun ja, wir sollten nicht enttäuscht werden. Dass die neue Gore-Tex Jacke kein Fehlkauf war, zeigt sich schon am zweiten Tag, als es nach kurzer Schonfrist zu regnen beginnt. Es wird langsam zu Schnee und hinzu kommt ein eisiger Wind. Ohne Schutzmöglichkeit kämpfen wir uns stundenlang durch den Schneesturm bis wir schlotternd hinter einem parkierten Wohnmobil unsere Hände wärmen. Hermann bittet uns leicht bemitleidend hinein und macht uns Tee, so dass wir langsam wieder lebendig werden. An die Kälte müssen wir uns gewöhnen, während die Schweiz unter der ersten Hitzewelle des Jahres leidet. Am nächsten Morgen starten wir mit einem neuen Mindset: «Es ist wie Skitouren, einfach auf dem Velo.» So motivieren wir uns dick angezogen durch den anhaltenden Schneesturm, ernten teils verwirrte Blicke aber auch viel Zuspruch und Bewunderung.

Der Bonus der unwirklichen, mystischen Landschaft entschädigt für jeden Kuhnagel. Und so weicht der Winter langsam dem Frühling, riesige Lupinenfelder glühen violett in voller Blust und ab und zu drückt die Sonne durch. Der Regen bleibt steter Begleiter und die Plastikkleidung bleibt griffbereit. Zu unserer Freude sind die meisten Zeltplätze mit gedeckten Aufenthaltsräumen bestückt und oft sogar beheizt. Unterwegs bietet die Landschaft Islands kaum Schutz und so verkriechen wir uns auch einmal in einen Schafsunterstand und verzichten auf den Mittagsschlaf. Wir sind froh um unsere funktionierende Ausrüstung (Empfehlung: Monsun Regenkleider von Veloplus!). Eine ambivalente Beziehung entwickeln wir zum Wind. An manchen Tagen trägt er uns gefühlt die Pässe hoch, an anderen stehen wir bei voller Kraft fast still und können uns nur schwer im Sattel halten. Und so kommen wir zurück zum Beginn dieses Artikels: «Was machen wir hier eigentlich?» Auf der Windkarte hätten wir es sehen können, haben wir aber nicht und so rechneten wir an diesem Tag mit mühsamen 12m/s Gegenwind. Statt diesen kommen uns auf einer Strecke von 20 Kilometern Fallwinde jenseits von Gut und Böse entgegen. Ans Fahrrad Schieben ist nur bei kleinen Flaute-Fenstern zu denken, ansonsten ziehen Böen von 90km/h gepaart mit peitschendem Regen die Moränen entlang und wir stehen wie die Esel am Berg, halten die Daumen raus und hoffen, dass uns jemand aus dieser Lage befreien möge. Einige Male werden wir von der Strasse geblasen und so stehen wir paniert vom feinen Vulkansand Stunden im Sturm und kommen nur wenige hundert Meter vorwärts. Es ist dann Mats, ein Tourguide, der dem Elend ein Ende bereitet. Er schlenzt einige Sitzreihen aus seinem Amphibienmobil und wir werfen die Räder hinein. Einige belehrende Worte später geloben wir mehr Vorsicht und gewinnen Mats als neuen isländischen Freund. Von jetzt an denken wir uns bei jedem Gegenwind: «Könnte schlimmer sein.»





Teil 3 – Der Ausklang
Und plötzlich stehen wir wieder in Seydisfjördur und starren auf das Stahlmonster, welches uns aufs Festland zurückschippern soll. Es liegen hunderte Kilometer unbeschreiblich schöne und bizarre Natur hinter uns. Wir kämpften mit den Elementen und fanden heisse Quellen, in welchen wir unsere Gliedmassen entspannten. Wir rasten mit den Pferden um die Wette, assen Fischsuppe und wurden zigmal von Vögeln attackiert, haben ein Rentier getauft und sind durch uralte Erdhäuser gekrochen. Und so gehen wir schweren Schrittes die Rampe hinauf zur Dame mit der gelben Leuchtweste, «Zimmer 756 im siebten Stock» schreit sie uns entgegen. Weit unter uns sehen wir den letzten Papageientaucher, der sich gerade eine Handvoll Heringe aus der Gischt fischt und schnell flatternd zurück auf seinen Felsen segelt.
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