Kaum ein Ort in der Schweiz bietet Rennvelofahrerinnen und Rennvelofahrern auf so engem Raum so viele legendäre Alpenpässe wie Andermatt. Furka, Gotthard und Oberalp liegen praktisch vor der Haustüre, und auch Susten, Grimsel, Nufenen und Lukmanier lassen sich hervorragend in unterschiedliche Touren integrieren. Veloplus-Mitarbeiter Raphael war in der Region unterwegs und berichtet von seinen Rennvelo-Abenteuern.
Bericht von Raphael Fassnacht, Leiter Einkauf & Produktmanagement bei Veloplus
Die Pässe
Das Besondere an Rennvelotouren ab Andermatt ist, dass man sich nicht für einen einzigen Pass entscheiden muss. Rund um das Dorf lassen sich die verschiedenen Anstiege zu ganz unterschiedlichen Touren kombinieren. Vom einzelnen Pass mit genügend Zeit zum Geniessen bis zur anspruchsvollen Runde über drei oder vier Pässe ist alles möglich. Damit eignet sich Andermatt sowohl für eine gemütliche Ausfahrt als auch für einen richtig langen Tag im Sattel.
Oberalp – 2046 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Höhe |
| Andermatt | 11 km | 610 Hm | 2’046 m |
Mein Eindruck
Der Oberalppass ist für mich der perfekte Einstieg in die Pässe rund um Andermatt. Vom Dorf aus geht es auf rund 11 Kilometern und 610 Höhenmetern hinauf zur Passhöhe. Die Steigung ist ziemlich gleichmässig, sodass man schnell einen guten Rhythmus findet. Ideal, um die Beine für einen längeren Tag einzufahren. Unterwegs hat man einen schönen Blick zurück auf das Urserental und den Gemsstock. Oben angekommen gehören der Oberalpsee und der rote Leuchtturm natürlich dazu. Der Pass ist allein schon schön, eignet sich aber auch super als Start für eine längere Tour Richtung Disentis und Lukmanier.
Meine Tipps
Im Sommer lohnt es sich, früh zu starten. Am Morgen hat es meistens weniger Verkehr und die Stimmung in den Bergen ist besonders schön.
Weil der Anstieg so gleichmässig ist, fährt man am Anfang schnell etwas zu zügig. Wer danach noch Richtung Disentis und Lukmanier weiterfahren möchte, sollte seine Kräfte deshalb gut einteilen.
Auch bei warmen Temperaturen in Andermatt gehört eine Windweste ins Trikot, denn auf über 2’000 Metern kann es schnell kühl und windig werden.
Wer noch mehr Höhenmeter sammeln möchte, kombiniert den Oberalp direkt mit dem Lukmanier. Daraus wird eine wunderschöne Tagestour.

Gotthardpass – 2091 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Passhöhe |
| Andermatt | 12 km | 680 Hm | 2’091 m |
Mein Eindruck
Von Andermatt führt die Strecke über Hospental auf rund 12 Kilometern und 680 Höhenmetern hinauf zur Passhöhe. Der Anstieg ist angenehm zu fahren und lässt sich gut einteilen. Das eigentliche Highlight wartet für mich aber auf der Südseite: Die historische Tremolastrasse mit ihren vielen Serpentinen und dem Kopfsteinpflaster ist ein ganz besonderes Erlebnis. Wer den Gotthard als Teil einer Rundtour fährt, sollte die Tremola unbedingt einbauen. Sie macht diesen Pass zu einem echten Rennvelo-Highlight.
Meine Tipps
Wenn möglich die Tremola bergauf fahren. Auf dem Kopfsteinpflaster ist sie zwar etwas anstrengender, dafür lässt sich die historische Strasse bergauf viel mehr geniessen als bei einer schnellen und rumpligen Abfahrt.

Furkapass – 2436 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Passhöhe |
| Andermatt/Realp | 21 km | 1030 Hm | 2’436 m |
Mein Eindruck
Die ersten Kilometer bis Realp eignen sich perfekt zum Einrollen, bevor der eigentliche Anstieg beginnt. Ab hier wird die Landschaft mit jedem Höhenmeter alpiner und rauer. Die gleichmässige Steigung lässt sich gut fahren und bietet immer wieder spektakuläre Ausblicke. Spätestens auf der Passhöhe auf 2’436 Metern stellt sich echtes Hochalpen-Feeling ein. Ein Pass, der landschaftlich mindestens genauso beeindruckt wie sportlich.
Meine Tipps
Unbedingt genügend Zeit für die Abfahrt Richtung Gletsch einplanen. Mit der berühmten James-Bond-Kurve und dem Hotel Belvédère warten zwei ikonische Fotospots. Wer danach noch weiter über Grimsel oder Nufenen fährt, sollte die Furka trotz der guten Beine bewusst kontrolliert angehen – der Tag kann noch lang werden.


Nufenenpass – 2478 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Passhöhe |
| Andermatt/Realp | ca. 25 km | 1300 Hm | 2’478 m |
Mein Eindruck
Der Nufenenpass von Airolo aus gehört für mich zu den grossen Anstiegen der Region. Zuerst geht es durch das lange Bedrettotal stetig bergauf. Dieser Abschnitt ist noch relativ entspannt und führt durch eine grüne Landschaft. Ab All’Acqua verändert sich der Charakter deutlich: Die Strasse wird steiler, die Landschaft zunehmend karger und der eigentliche Kampf um die Passhöhe beginnt. Besonders die letzten Kilometer mit den weiten Serpentinen haben es nochmals in sich. Je höher man kommt, desto spektakulärer wird dafür die Aussicht. Oben auf 2’478 Metern fühlt man sich mitten im Hochgebirge und weiss genau, was man bis dahin geleistet hat.
Meine Tipps
Die lange Anfahrt durchs Bedrettotal bewusst locker angehen und Kräfte für den Schlussanstieg sparen. Gerade auf einer Mehrpässe-Runde kann der Nufenen richtig weh tun.
Oben ruhig einen Moment länger bleiben: Die Aussicht Richtung Wallis und auf die umliegenden Gipfel gehört für mich zu den schönsten der ganzen Runde.

Lukmanierpass – 1914 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Passhöhe |
| Disentis | 19 km | 840 Hm | 1’914 m |
Mein Eindruck
Der Lukmanier ist für mich der etwas ruhigere Geheimtipp unter den Pässen rund um Andermatt. Von Disentis führt der Anstieg über rund 20 Kilometer und 840 Höhenmeter Richtung Passhöhe. Im Vergleich zu Furka oder Nufenen ist die Landschaft weniger schroff und hochalpin, dafür wunderbar abwechslungsreich: Wälder, Alpweiden und immer wieder weite Blicke in die Bündner Bergwelt. Die Steigung ist über weite Strecken angenehm und lässt einen guten Rhythmus zu. Gerade in Kombination mit dem Oberalppass ist der Lukmanier für mich eine wunderschöne Verbindung ins Tessin.
Meine Tipps
Der Lukmanier eignet sich super für eine längere Runde über den Oberalp und den Gotthard oder Nufenen. Die moderaten Steigungen sollte man trotzdem nicht unterschätzen, denn durch die Länge kommen einige Höhenmeter zusammen. Wer eine grosse Runde fährt, nutzt den etwas ruhigeren Lukmanier am besten, um seinen Rhythmus zu finden und Kräfte für die höheren Pässe zu sparen.

Grimselpass – 2165 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Passhöhe |
| Gletsch | 6 km | 400 Hm | 2’165 m |
Mein Eindruck
Der Grimselpass gehört für mich landschaftlich zu den eindrücklichsten Pässen der Region. Von Gletsch aus ist der Anstieg mit rund 6 Kilometern zwar eher kurz, die knapp 400 Höhenmeter spürt man aber trotzdem. Besonders dann, wenn man die Furka bereits in den Beinen hat. Die Strasse führt in schönen Serpentinen nach oben und mit jedem Höhenmeter wird der Blick zurück Richtung Gletsch und Furka eindrücklicher. Auf der Passhöhe prägen Felsen, Stauseen und die raue Hochgebirgslandschaft das Bild. Kurz, knackig und definitiv ein Pass, bei dem sich jeder Höhenmeter lohnt.
Meine Tipps
Unbedingt einmal zurückschauen! Auf dem Anstieg hat man einen fantastischen Blick auf die Furkapassstrasse auf der gegenüberliegenden Talseite. Wer danach Richtung Innertkirchen weiterfährt, kann sich zudem auf eine lange und landschaftlich wunderschöne Abfahrt freuen.


Sustenpass – 2224 m ü. M.
| Auffahrt ab | Länge | Höhenmeter | Passhöhe |
| Wassen | 18 km | 1300 Hm | 2’224 m |
Mein Eindruck
Von Wassen aus wartet ein langer, aber wunderbar gleichmässiger Anstieg mit rund 18 Kilometern und 1’300 Höhenmetern. Die Strasse zieht sich zunächst durch das enge Meiental, bevor sich die Landschaft immer weiter öffnet und zunehmend hochalpin wird. Wasserfälle, Felswände und der Blick auf die umliegenden Gletscher sorgen dafür, dass es unterwegs eigentlich nie langweilig wird. Trotz seiner Länge lässt sich der Sustenpass in einem schön konstanten Rhythmus fahren. Genau das macht ihn für mich zu einem Anstieg, der zwar hart ist, aber trotzdem richtig Spass macht.
Meine Tipps
Nicht zu schnell starten. Die Steigung ist über weite Strecken angenehm konstant und verleitet dazu, früh zu viel Druck zu machen. Wer den Susten mit Grimsel und Furka kombiniert, sollte sich die Kräfte gut einteilen. Und kurz vor der Passhöhe unbedingt nochmals die Aussicht geniessen – für mich einer der eindrücklichsten Abschnitte der ganzen Runde.

Von der ersten Passfahrt bis zur grossen Runde
Der eigentliche Reiz von Andermatt beginnt für mich dort, wo man die einzelnen Pässe miteinander verbindet. Auf der Karte liegen einige der bekanntesten Alpenübergänge der Schweiz beinahe wie ein Baukastensystem rund um Andermatt.
Damit kann jeder seine eigene Pässefahrt zusammenstellen. Wer erstmals hochalpine Kilometer sammeln möchte, nimmt sich einen einzelnen Pass oder eine kürzere Kombination vor. Wer bereits etwas Erfahrung und Ausdauer mitbringt, verbindet zwei oder drei Anstiege. Und wer wissen möchte, was die Beine nach mehreren tausend Höhenmetern noch hergeben, findet hier genügend Möglichkeiten für einen richtig grossen Tag.
Ein Klassiker ist beispielsweise die Kombination Furka – Nufenen – Gotthard. Auf rund 106 Kilometern kommen bereits mehr als 3’000 Höhenmeter zusammen. Landschaftlich bekommt man dabei fast alles serviert, was eine Schweizer Pässefahrt ausmacht: hochalpine Furka, den langen und fordernden Nufenen und zum Abschluss den geschichtsträchtigen Gotthard.
Noch einmal eine andere Dimension bietet Susten – Grimsel – Furka. Drei grosse Alpenpässe, rund 120 Kilometer und deutlich über 3’500 Höhenmeter machen daraus einen ausgewachsenen Rennvelotag.
Und genau darin liegt für mich die Faszination dieser Region: Die Herausforderung lässt sich fast beliebig skalieren – die Kulisse nicht. Die ist eigentlich immer spektakulär.
