Gastbeitrag Claude Marthaler – Transnistrien: Das Land, das nicht existiert

Freitag 6. Januar 2012

Author: Michael by Veloplus

Social Media Verantwortlicher und Redaktor bei Veloplus.

Exklusiv auf unserem Blog erzählt der bekannte Velo-Abenteurer *Claude Marthaler von seinen Erlebnissen im östlichen Teil Moldawiens. Mitte Dezember ist er mit rund 10’000 Kilometern in den Beinen und vielen Eindrücken von seinem jüngsten Abenteuer in die Schweiz zurückgekehrt.

 

 

 

Tiraspol verkörpert UDSSR-Nostalgie als eine Art Freilichtmuseum. Wie an vielen Orten schenken die Bewohner den unzähligen Lenin-Statuen wenig Aufmerksamkeit und amüsieren sich über die manchmal naive Faszination des Westens für diese Monumente. Die Hauptstadt präsentiert sich dem Besucher als erstarrte Welt: Ein T-34 Panzer auf einem Sockel, das berühmte Denkmal des unbekannten Soldaten und eine Gruppe von heroischen Statuen, die an gefallene Soldaten in Afghanistan und Pridnestrowien erinnern. Es scheint, als ob die Zeit still steht.

Ich fühle mich sehr einsam und bin etwas eingeschüchtert von der gigantischen Lenin-Statue, die sich vor dem Parlamentsgebäude erhebt. Etwas weiter der berühmte russische General Alexander Suworow (1729-1800), reitend auf seinem Pferd. Zu seinen Füssen sitzt ein halbblinder Akkordeonspieler und singt für all jene, die ihm Gehör schenken. Auf seinem Instrument hat er eine Nescafe-Tasse montiert – in der Hoffnung auf einige Geldstücke.

Die Lenin-Statue thront vor dem Transnistrischen Parlament.

Nicht anerkannter Staat

Beim Verlassen des Platzes und der Hauptstrasse stosse ich auf Leben. Diskutierende Menschen, die Socken, Strümpfe und Büstenhalter verkaufen. Der grosse Basar macht offensichtlich, dass das Leben hier im vollen Gang ist und erinnert mich daran, dass ich mich möglicherweise bereits in Asien befinde. In Transnistrien verwendet das kyrillische Alphabet und verfügt auch sonst über viele Eigenschaften eines „richtigen“ Landes: Eigene Verfassung, Flagge, Hymne, Präsident, Parlament, Regierung, Armee, Währung, Briefmarken und Ausweise – alles ist vorhanden. Hartnäckige Gerüchte verhindern jedoch, dass es als Land offiziell anerkannt wird.  Selbst Russland ziehrt sich.  Und das, obwohl das flächenmässig grösste Land der Welt Transnistiren 1924 gegründet hat. Unterirdische Munitionsfabriken, sowie ein offener Menschen- Drogen- und Waffenhandel sollen heute Alltag sein. Tatsächlich wurden in Tschetschenien und Bagdad in Ostmoldawien produzierte Waffen gefunden.

Herbststimmung in Moldawien. Sein Velo hat Claude Marthaler mit dem Aigle-Lenker ausgerüstet.

Zwei unbezahlbare Souvenirs

Der inexistente Tourismus ist also nicht das Hauptproblem von Transnistrien. Es gibt hier nämlich keine Souvenirläden oder Touristenattraktionen. Da ich geographische Karten liebe, kaufe ich in einer Buchhandlung das letzte Exemplar „Pridnestrovie“. Eigentlich ein undenkbarer Kauf. Noch vor 22 Jahren wurde die Topographie wie ein Staatgeheimnis gehütet. Auch mein letztes Geld aus der Region habe ich behalten. Zwei weltweit unfindbare Objekte, ohne jedwelchen Wert sobald man die Region erst einmal verlassen hat. Aber die beiden Souvenirs sind authentisch!

Bleiben, weiterreisen oder gar nie gehen

Neben der Strasse deuten Plastiksäcke in den Wiesen Bauten erst an, bevor schliesslich riesige Kräne den Hafen von Galati sichtbar machen. Ich fotografiere ein altes rostiges Tor: „Soziale Republik Rumänien.“ Immer an meiner Seite sind streunende Hunde. Es sind arme Teufel, die instinktiv meinen drehenden Rädern folgen und die Jagd auf mein Velo bis in die Türkei nicht beenden. Die Donau breitet sich majestätisch vor mir aus. Enthüllt von der Wintersonne, die mühevoll die Schleierwolken am Himmel durchbrochen hat. Es ist unglaublich kalt. Aber bald laden mich Viktor und Christian, zwei junge Rumänen mit dem Traum einer Veloreise, zu einem ihrer Freunde ein. Pizza und Bier: Der Abend ist lanciert.

Irgendwo in der Wildnis Rumäniens: Claude Marthaler am Biwakieren.

 

Aus der Zeit des Kommunismus erinnern sie sich an lange Schlange und den einen staatlichen TV-Sender. „Damals zwang man dich zu arbeiten. Die Polizei kam sogar zu dir nach Hause, um dich abzuführen. Heute muss man selbst hart arbeiten. Seit 1989 erinnern mich meine Eltern am Ende jedes Monates an ihre Angst, die nächsten Wochen nicht zu überstehen. Noch heute leben sie in dieser konstanten Angst und denken nicht an die Zukunft. Aber nur ohne Angst kann man Liebe lernen“, erklärt Viktor. „Unsere Eltern haben uns erlaubt das zu werden, was wir sind.

Viele Rumänen verlassen die Heimat

Die Entwicklung der Generationen ist nicht linear sondern exponentiell. Wir hängen zwischen der Illusion des Kommunismus,  eine Obskurität, und des Konsums, einem schwachen licht. Jetzt müssen wir eine innere Balance finden. Wir pflegten zu sagen: Eine Erkältung geht mit Medikamenten in sieben Tagen vorbei und ohne in einer Woche.“ Es sind Worte, die mich an ein buddhistisches Sprichwort erinnern: „Wenn es für ein Problem eine Lösung gibt, macht es keinen Sinn sich darüber aufzuregen. Wenn es keine Lösung gibt auch nicht.“

Auf rumänischen Strassen trifft man ganz unterschiedliche Pferdestärken.

 

Ich frage die jungen Rumänen, was sie hier lieben. Christian zögert: „Hmm…die Frauen…sie sind einfach schön!“ Viktor schwärmt von der Vielfalt der Landschaft. Julian hingegen redet nicht lange um den heissen Brei herum: „Viele Freunde und Verwandte sind ins Ausland gegangen. Mein Bruder ist in England, meine Mutter in Italien. Ich gehe auch. Fünf Millionen Rumänen haben mein Land verlassen.  Das nationale Fernsehen zeichnet das Leben von Kindern zwischen 10 und 15 Jahren nach, die Selbstmord begangen haben. Verlassen von Eltern, die ihr Glück in Westeuropa suchen.

Viktor möchte sein Rad bereit machen und Europa entdecken. Weil er nicht viel Geld hat, empfehle ich ihm nach Westen Richtung Indien zu reisen. Aber weil sich seine Generation langsam von der Angst des fehlenden Geldes befreit, sind die geographischen Vorstellungen festgefahren.  Europa ist reich und hoffnungsvoll, Indien faszinierend aber destabilisiert und Afrika – einmal mehr – ein einziger Schreck.

Weltstadt Istanbul

Die Thrakien (Landschaft) trägt mich Richtung Istanbul, wo der Handel seit jeher fliesst wie der Bosporus. Heute floriert die türkische Wirtschaft. Sie ist möglicherweise sogar genug stark, um die Eurozone von der Flaute zu befreien.

Meine Reise endet hier, aber sie könnte ebenso gut auch erst beginnen. An dieser pulsierenden eurasischen Naht. Istanbul ist für alle Reisenden Pflicht. Während meinem vierten Besuch mit dem Velo in 30 Jahren in dieser faszinierenden Weltstadt, überschreite ich immer wieder gerne die Grenze zu Asien. Der Mutter Europas, wo alles mit einer Tasse Cai wieder beginnt.

"Stopp" - Das Schild in der Türkei steht symbolisch für das Ende von Marthalers Reise.

 

Zur Person

*Claude Marthaler hat schon mehr als 15 Jahre seines Lebens (rund 130’000 Kilometer) im Velosattel verbracht. Mitte Dezember ist der 51-Jährige von seiner rund 10’000 Kilometer langen Tour entlang dem „Iron Curtain Trail“, der orientalischen Grenze von Europa vom Nordkap nach Istanbul, zurückgekehrt.  Die Reise führte ihn von der Barentsee über Russland,  Kalingrad, Weissrussland, Ukraiea, Polen, Slowakei Ungarn, Polen, Estland, Moldawien, Rumänien und Bulgarien bis in die Türkei.


Claude hat zwei deutsche Bücher geschrieben, wovon eines bei uns erhältlich ist: „Durchgedreht – 7 Jahre im Sattel“ und „So weit das Rad uns trägt – 3 Jahre per Fahrrad durch Afrika und Asien“ . Das Buch über seine jüngste Reise erscheint dieses Jahr auf Französisch. Veloplus ist seit vielen Jahren Partner von Claude Marthaler. Weitere Informationen: www.yaksite.org

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 6. Januar 2012 um 09:09 und abgelegt unter News, Veloreisen. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

8 Kommentare über “Gastbeitrag Claude Marthaler – Transnistrien: Das Land, das nicht existiert”

  1. Marcus schrieb:

    Sehr interessant und beeindruckend, vielen Dank.

  2. K. S. schrieb:

    Ich bin eben von einem dreiwöchigen Aufenthalt in der Gegend zurückgekommen. Diesen Bericht hier empfinde ich als ziemlich oberflächlich.

  3. Oliver by Veloplus schrieb:

    Guten Morgen
    Wie hast du die Gegend erlebt?

  4. K. S. schrieb:

    Also ich war positiv überrascht vom Separatistenstaatsgebilde Transnistrien, Transdnistrien, Pridnestrovie, Pridnestrowien, schon allein über den Ursprung der Bezeichnungsvarianten ließen sich Seiten schreiben. Man braucht sich nur einmal die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Kombination mit den Vorsilben »Trans« und »Pri« anzusehen …

    Einiges ist schlicht falsch: Russland gab es 1924 als politischen Akteur praktisch nicht, sondern die Sowjetunion. Souvenirläden gibt es dagegen sehr wohl, beispielsweise gleich diagonal gegenüber vom Suworow-Denkmal in Richtung Fluss. Und Touristenattrakionen sind für mich schlicht das, was ich als Tourist attraktiv finde. Hätte ich ein wirklich einwandfreies Exemplar des Scheines von fünf Transnistrischen Rubeln gehabt, hätte ich es wohl auch aufgehoben. Wahrscheinlich der weltweit einzige Geldschein, der eine Schnapsfabrik zeigt.

    Einiges ist westlich-arrogante Ansichtssache: Bei der Erinnerung an Lenin und T-34 „steht die Zeit still“? Aber die Denkmale gieriger Feudalfolterherren in Deutschland sind Traditionspflege? „In Tschetschenien und Bagdad wurden in Ostmoldawien produzierte Waffen gefunden“? Kann man nicht rund um die Welt in wesentlich höherer Stückzahl Waffen aus Deutschland finden?

  5. K. S. schrieb:

    Sorry, ich bin ja hier auf einer Schweizer Web-Darstellung. Also man ersetze in meinem letzten Absatz Deutschland durch Schweiz, das stimmt dann ebenso.

  6. K. S. schrieb:

    Inzwischen gibt es ein deutschsprachiges Buch für Touristen über die Republik Moldau (Moldova, Moldawien) einschließlich des abtrünnigen Gebietes Transnistrien. Einfach mal hinfahren!

  7. L. F. schrieb:

    Nett. Schade nur, dass der Artikel sehr schlampig geschrieben scheint. Nicht nur die etlichen kleinen Fehler wie Indien im Westen (den Schmäh hatte schon ein Italiener vor gut 500 Jahren gebracht, damals noch erfolgreich) stören irgendwie. Auch der Übergang der Geschichte von Transnistrien zu dem Ende der Veloreise des Autors ist sehr unrund und mutet bei ersten lesen eher falsch an.

  8. Oliver by Veloplus schrieb:

    Guten Morgen L.F.

    Danke für deinen Kommentar. Gebe deine Eindrücke gerne so weiter. Welche Fehler sind dir denn noch aufgefallen? Der abrupte Übergang ist wohl der begrenzten Zeichenzahl geschuldet.

    Gruss und einen guten Wochenstart
    Oliver

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