Gastfreundschaft, Polizei und Spontanität

Die Veloplus-Kunden Noa und Yves waren auf einem unvergleichbaren Abenteuer. In ihrem Reisebericht erzählen Sie von Unwettern, Gegenwind, Gastfreundschaft und unvergesslichen Erlebnissen.

Reisebericht von Noa und Yves

Am 2. Juli 2023 brachen wir, Noa und Yves, beide 20 Jahren alt, zu unserem sechsmonatigen Fahrradabenteuer auf. Mit unseren Fahrrädern, die unglaubliche 60 Kilogramm Gepäck trugen – ja, wir sind uns bewusst, dass nur wenige sich mit einer derartigen Last auf den Weg machen. Doch wir wollten nicht nur für die Herausforderungen kalter Dezembertemperaturen gewappnet sein, sondern gönnten uns auch einige Luxusgegenstände wie einen Stuhl oder ein Tagebuch.

Die Reise von Noa und Yves beginnt beim Veloplus-Laden Zürich HB an der Konradstrasse.

Der Weg führte uns in Richtung Istanbul, obwohl die genaue Route noch im Ungewissen lag. Genauso wie unser endgültiges Ziel oder eine mögliche Rückreise – denn bei einer Probetour von München zurück ins Baselbiet hatten wir erkannt, dass für uns Spontanität, Genuss und der direkte Kontakt mit den Einheimischen im Mittelpunkt unserer Reise stehen sollten. So wurden die kommenden Monate nicht zu einer sportlichen Herausforderung, sondern vor allem zu einem lebendigen Abenteuer, geprägt von unvorhersehbaren Begegnungen und der Freiheit des ungeplanten Reisens.

Gewöhnungsphase In den ersten Tagen unserer Reise begaben wir uns gemütlich auf Entdeckungstour, um uns behutsam an das neue Leben im Zelt und auf dem Fahrrad zu gewöhnen. Neue Muskelgruppen wurden aktiviert, und das Kochen auf dem Benzinkocher entwickelte sich rasch zu einer täglichen, aber immer spannenden Routine. Schnell näherte sich eine bedeutende Herausforderung: der Albula-Pass, gelegen auf 2312 Metern über dem Meeresspiegel. Doch wir erkannten bald, dass dieser Anstieg körperlich kein Hindernis darstellen würde, da wir bewusst auf feste Tagesziele verzichteten und somit keinen Druck verspürten.

Ein voll ausgerüstetes Tourenvelo bringt schon ein paar Kilogramm auf die Waage.

An diesem bewölkten Sommertag, während uns Dutzende erfahrene Radfahrerinnen und Radfahrer mühelos überholten, bewältigten wir den Aufstieg ohne Schwierigkeiten, trotz unseres gemächlichen Tempos und des zusätzlichen Gewichts auf unseren Fahrrädern. Im Anschluss zog es uns durch die malerische Poebene, bis wir schließlich die charmante Küstenstadt Triest erreichten. Unser Ziel: das Meer, um uns endlich regelmässig im erfrischenden Wasser abzukühlen und gleichzeitig eine ersehnte Waschmöglichkeit zu finden.

In dieser italienischen Küstenstadt verfassten wir unseren ersten Blog-Beitrag, den wir auf unserer Webseite www.allroundeurope.ch veröffentlichten.

Kroatische Unwetter

Auf der kroatischen Halbinsel Istrien wurden wir von einem Gewitter mit golfballgrossen Hagelkörnern überrascht. Unglücklicherweise befanden wir uns zu diesem Zeitpunkt auf einem abgelegenen Feldweg, der sich innerhalb weniger Minuten in einen rutschigen, schlammigen Untergrund verwandelte. Unsere Fahrräder waren nicht mehr fahrtüchtig, da der Schlamm bald die Räder blockierte und andere Teile verschmutzte.

Nach einer Weile des Schiebens schafften wir es schließlich auf eine asphaltierte Straße. Am nächsten Tag blieben wir erneut im Wald stecken, konnten anschliessend jedoch tatsächlich noch zu einer Tankstelle gelangen. Dort hatten wir die Möglichkeit, alles gründlich zu reinigen und unsere Fahrräder wieder in einen einsatzfähigen Zustand zu versetzen.

Boxenstopp an einer Tankstelle für die Veloreinigung nach den heftigen Unwettern.

Grenzprobleme?

Bald wurde uns klar, dass die von Touristen frequentierte Küste in den Sommermonaten nicht unseren Vorstellungen entspricht. Mit diesem Erkenntnisgewinn entschieden wir uns, die malerischen Küstenstraßen hinter uns zu lassen und uns ins Landesinnere in Richtung Sarajevo in Bosnien und Herzegowina zu begeben. Diese Entscheidung ermöglichte uns einen tiefgreifenden und authentischen Einblick in die reichen kulturellen Facetten der Region.

An unserem letzten Abend in Kroatien erfuhren wir die Großzügigkeit der Einheimischen aus erster Hand. Nachdem wir eine Familie um etwas Trinkwasser gebeten hatten, luden sie uns zum Abendessen ein. Stolz präsentierten sie uns Tomaten aus ihrem eigenen Garten, Eier von ihren Hühnern und weitere köstliche lokale Spezialitäten.

Schattige Mittagspause an einem heissen Tag in Kroatien auf dem Weg Richtung Bosnien.

Zusätzlich zu den kulinarischen Genüssen warnten sie uns vor der Straße, die wir am nächsten Tag nehmen würden, um die Grenze zu überqueren. Unser GPS leitete uns durch eine abgelegene Route, die als illegal gilt und oft von Schmugglerinnen und Migrantinnen genutzt wird. Die Familie beruhigte uns jedoch und versicherte uns, dass es bei Tageslicht am nächsten Tag keine Probleme geben würde. Doch es kam anders:

Die Polizei bemerkte uns wahrscheinlich über ein Radar auf einem hoch aufragenden Metallmast. Freundlich, aber bestimmt forderten sie uns auf, unsere Pässe zu zeigen und erklärten uns die Situation. Folgsam begleiteten sie uns bis zum kroatischen Grenzposten. Dort zeigten wir erneut unsere Pässe und wurden nach kurzer Prüfung unserer Dokumente nach Bosnien und Herzegowina entlassen.

Technische Probleme

Nach unserem Abschied von der faszinierenden bosnischen Hauptstadt Sarajevo stießen wir erstmals auf Probleme mit einem unserer Fahrräder (während der gesamten Tour hatten wir lediglich eine Reifenpanne, einen defekten Schaltmechanismus und eben dieses missglückte Rad). Ein Fahrfehler führte dazu, dass das Hinterrad so stark verbogen war, dass eine Fortsetzung der Reise unmöglich schien.

In dieser misslichen Lage erhielten wir jedoch Unterstützung von einem freundlichen bosnischen Jäger, der uns kurzerhand per Autostopp zurück in die Stadt chauffierte. Da der örtliche Mechaniker an diesem Tag leider nicht verfügbar war, verbrachten wir gezwungenermaßen einen Tag in Warteposition, bevor wir unsere Reise fortsetzen konnten – das nächste Ziel fest im Blick: der atemberaubende Tara Canyon. Diese unerwarteten Zwischenfälle machten unsere Abenteuerreise nur umso spannender und zeigten uns, dass selbst Herausforderungen den Weg zu unvergesslichen Erlebnissen ebnen können.

Montenegro Wonderland Auf dem bezaubernden Sedlo-Pass, der sich vor uns wie ein Gemälde ausbreitete, entschieden wir uns, unser Zelt für zwei Nächte aufzuschlagen, angetrieben von dem Wunsch, den Gipfel des höchsten Berges Montenegros, den Bobotov Kuk (2522 m. ü. M.), zu erklimmen. Unsere Entscheidung wurde belohnt, als wir auf eine gastfreundliche Hirtin namens Danjela trafen, die uns herzlich in ihrer bescheidenen Holzhütte willkommen hiess. Mit einem strahlenden Lächeln servierte sie uns ihren kräftigen Schnaps, während der Wind sanft durch die durchlässigen Wände wehte.

Majestätische Schönheit auf dem Sedlo Pass im Durmitor Nationalpark in Bosnien.

Dieser Ort, eingebettet in die majestätische Natur des Durmitor Nationalparks, prägte unser Bild von Montenegro. Die grandiose Kulisse, die Herzlichkeit Danjelas und die rustikale Gemütlichkeit ihrer Hütte bleiben uns in guter Erinnerung. Hier, hoch oben auf dem Pass, erlebten wir die Magie Montenegros in ihrer reinsten Form.

Albanien In Albanien erfuhren wir erneut eine herzliche Einladung, die diesen Teil unserer Reise zu etwas Besonderem machte. Julian, ein aufgeweckter Jugendlicher aus einem charmanten Drei-Generationen-Haus, nahm sich liebevoll unserer an. Gemeinsam verbrachten wir unvergessliche Stunden, spielten leidenschaftlich Fußball in der Garage und tauchten in die familiäre Atmosphäre ein.

Die Mutter des Hauses verwöhnte uns kulinarisch mit köstlichen, traditionellen Gerichten. Nach diesem herzlichen Empfang eröffnete uns die Familie sogar die Möglichkeit, nach einer erfrischenden Dusche in einem der gemütlichen Betten auszuruhen.

Gegenwind

Anschliessend führte uns die Route entlang des Ohridsees und durch griechische Wälder, die von den Waldbränden gezeichnet waren. Unsere Räder rollten über die gut gesicherte und prachtvolle türkische Grenze. Auf dem Pannenstreifen der türkischen Schnellstrassen kämpften wir uns tagelang gegen den Wind in die pulsierende Metropole Istanbul. Dieser Streckenabschnitt bleibt uns als besonders mühsam in Erinnerung, doch die türkische Gastfreundschaft machte jeden Tag trotzdem zu einem einmaligen Erlebnis.

Magische Momente beim UNESCO-Weltkulturerbe Kappadokien.

Mit diesem Etappenziel erreichten wir einen bedeutenden Meilenstein, jedoch wehte uns der Hauch des Abenteuers weiter entgegen, denn unser Blick und unsere Räder richteten sich nun auf das faszinierende Kappadokien – eine einzigartige Höhlenlandschaft, die das UNESCO-Weltkulturerbe schmückt und sich im zentralen Teil der Türkei erstreckt.

Wir lieben die Türkei

Nach unserem zehntägigen Aufenthalt in der wuseligen Grossstadt Istanbul setzten wir unsere Reise fort, vorbei an der beeindruckenden Millionenstadt Bursa, durch die geschichtsträchtige Hauptstadt Ankara und über den schimmernden Salzsee Tuz Gölü. Doch abseits der reizvollen Landschaften brennt sich vor allem die uneigennützige Gastfreundschaft der Bevölkerung in unsere Erinnerung ein.

Salz so weit das Auge reicht auf dem Salzsee Tuz Gölü.

Jeden Abend wurden uns großzügig warme Schlafplätze angeboten. Nicht nur leere Räume und Moscheen standen uns offen, sondern auch die Türen zahlreicher privater Haushalte. Hier wurden wir regelmäßig in die Familienkreise aufgenommen, erlebten herzliche Einladungen zu Hause und teilten gemeinsam Runden von Çay, begleitet von köstlichen türkischen Spezialitäten. Diese Momente des Miteinanders, geprägt von Wärme, Gastfreundschaft und kulinarischem Genuss ist für uns bezeichnend für die Türkei und bleibt uns von dieser Reise am stärksten in Erinnerung.

Einer der zahlreichen Abenden in der Türkei, wo wir von einer türkischen Familie eingeladen wurden.

Türkische Hochzeit

Ein unvergessliches Erlebnis unserer Reise war ebenfalls eine spontane Einladung zu einer türkischen Hochzeit. Noch bevor die zahlreichen Gäste eintrafen, wurden wir von den Organisatoren ermutigt, uns erstmals im traditionellen türkischen Tanz zu versuchen, begleitet von mitreißender Musik. Schnell wurde uns bewusst, dass unsere Tanzkünste durchaus noch Raum zur Verbesserung liessen. Die fröhliche Szenerie, unsere unbeholfenen Tanzversuche und die pulsierende Atmosphäre fanden ihren Weg in ein Video, das wir auf unserem Blog teilten. Diese unerwartete Einladung zu einem kulturellen Fest und unser gewagter Tanzversuch wurden zu einem unvergesslichen und lustigen Highlight.

Ein königliches Frühstück in der Türkei.

Der Heimweg Nachdem wir die faszinierende Höhlenlandschaft von Kappadokien in Göreme erkundet hatten, trafen wir die Entscheidung, unseren Rückweg über die warmen Inseln Rhodos und Kreta anzutreten, bevor wir auf das griechische Festland, den Peloponnes und schließlich nach Italien weiterzogen. Im immer kälter werdenden Spätherbst genossen wir die köstlichen Pizzen Italiens. Wir gönnten uns auch touristische Auszeiten in Neapel, Rom und Florenz.

Leider zwang uns ein unglücklicher Sturz nach unserem Aufenthalt in Florenz dazu, unsere Reise vorzeitig zu beenden. Unsere ursprünglichen Pläne, die uns bis nach Mailand geführt hätten, mussten wir bedauerlicherweise aufgeben. Dennoch behalten wir die unvergesslichen Abenteuer, die beeindruckenden Orte und vor allem jede einzelne grosszügige Einladung in bester Erinnerung.

Unsere Räder wurden zu treuen Begleitern auf diesem Abenteuer, die uns nicht nur täglich vorwärts trieben, sondern auch die perfekte Möglichkeit boten, tief in die Herzschläge fremder Kulturen einzutauchen.

Das Fahrrad erwies sich als unser Tor zu einem intensiven Miteinander mit den Einheimischen. Wir lebten nicht nur nah an ihren Gemeinschaften, sondern hatten auch die Gelegenheit, mit ihnen zu interagieren und ihre Lebensweise aus nächster Nähe zu erleben.

Wir können diese Art des Reisens uneingeschränkt empfehlen, denn sie eröffnet nicht nur die Möglichkeit, landschaftliche Wunder zu erkunden, sondern auch, das wahre Herz einer fremden Kultur zu spüren und authentische Begegnungen zu erleben, die weit über gewöhnliche Touristenerlebnisse hinausgehen.

Die Reiseroute im Überblick


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