Paula Luckemeyer (33) kommt aus Brasilien. Seit vier Jahren lebt sie mit ihrem Ehemann in der Schweiz und macht bei Veloplus eine Lehre als Velomechanikerin. Ihre grosse Leidenschaft sind Ultra-Cycling-Rennen. Matthias Schneider hat sie in Bern getroffen und gefragt, was sie an Langdistanzrennen so reizt und ob sie schon mal an ihre Grenzen gestossen ist.
Matthias Schneider: Paula, welchen Stellenwert hat Velofahren in deinem Leben?
Bei mir dreht sich alles ums Velo, obwohl ich eigentlich noch gar nicht so lange fahre. Als ich neun war, wurde ich von einem Auto angefahren und dann ging lange nichts. Als ich angefangen habe zu studieren, brauchte ich ein Fortbewegungsmittel. Ich sah viele Menschen mit Rennvelos. Ich habe sie immer bewundert, weil sie so schnell unterwegs waren und cool ausgesehen haben. 2021 habe ich mir mein erstes Rennvelo gegönnt. So hat es angefangen.
Du bist in Brasilien geboren und aufgewachsen. Wie bist du in die Schweiz gekommen?
Ich bin ganz im Süden von Brasilien an der Grenze zu Argentinien und Uruguay geboren. Bei einem Veloevent habe ich meinen heutigen Ehemann kennengelernt. Er ist Schweizer und fährt auch Ultra-Cycling-Rennen. 2021 hat er an einem Event in Brasilien teilgenommen. Wir haben uns dort kennengelernt. Er ist der Grund, warum ich im Mai 2022 in die Schweiz gekommen bin.
Wie ist Velofahren in Brasilien?
Es ist nicht so einfach wie hier in der Schweiz. Ich lebte in São Paulo. Dort kann man nicht schnell in die Berge oder auf den Veloweg. Das gibt es dort nicht. Darum sind wir auf der Autobahn gefahren, der Pannenstreifen war unsere Trainingsstrecke. Allein kann man das aber nicht machen. Wegen des Verkehrs ist das viel zu gefährlich. Ich habe mich daher einem Veloclub angeschlossen. Wir gingen in der Gruppe viermal in der Woche zusammen trainieren.
Du machst die Lehre als Velomechanikerin im Veloplus-Laden Bern. Wie ist es dazu gekommen?
In Brasilien habe ich studiert. Zuerst Bauingenieurwesen, aber das habe ich nicht gerne gemacht. Danach habe ich Gastronomie in einer Fachhochschule studiert und lange in Restaurants gekocht. Als ich in die Schweiz gekommen bin, hatte ich dazu keine Lust mehr. Gastro ist sehr anstrengend. Ich wollte unbedingt eine Ausbildung machen, die hier anerkannt ist. Darum habe ich mich beim Berufsinformationszentrum gemeldet. Dort wurde mir geraten, eine Lehre zu machen, weil ich dann schon arbeiten kann. Weil ich so viel Freude am Velofahren habe, dachte ich mir, dass ich noch mehr Freude daran haben würde, wenn ich genau verstehe, wie alles am Velo funktioniert.
Du hast deine Lehre bei Veloplus letzten August begonnen. Wie gefällt dir die Arbeit in der Werkstatt?
Mir ist sehr schnell klar geworden, dass ich viel lernen muss. Vielleicht bin ich auch etwas ungeduldig. Aber ich werde von Woche zu Woche besser. Die Arbeit gefällt mir sehr gut.
Was machst du am liebsten am Velo?
Gute Frage. Ich glaube, es sind Bremsen. Die repariere ich gerne, also hydraulische Scheibenbremsen einstellen und entlüften. Das macht mir wirklich Spass. Und Gangschaltungen einstellen.

Du fährst in deiner Freizeit Langdistanz-Velorennen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Bei Ultracycling-Rennen geht es darum, dass man «self-supported», also auf sich allein gestellt ist. Du musst selbst schauen, wo du Essen und Trinken herbekommst und wo du schläfst. Wenn du eine Panne hast, musst du sie selber beheben. Ich mag die Herausforderung, es alleine schaffen zu müssen. Am Ziel kann ich sagen: Es ist mein Erfolg. Letztes Jahr bin ich bei einem Rennen mitgefahren, das über drei Tage und 500 km ging. Das ist aber ein eher kürzeres Rennen.
Welches Rennen ist dein nächstes?
Im Mai werde ich beim «Lost Dot 101» mitfahren. Das ist ein Rennen über 6 Tage und ausschliesslich für FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinär-, Trans- und Agender-Personen, Anm. d. Red.). Normalerweise fahre ich Rennen zusammen mit meinem Mann, da fühle ich mich sicher, weil jemand bei mir ist. Als Frau habe ich Angst, alleine zu fahren, vor allem in der Nacht. Als ich die Ausschreibung für das «Lost Dot 101» gesehen habe, wusste ich, da will ich unbedingt teilnehmen. Es ist mir sehr wichtig, dieses Anliegen zu unterstützen. Ich bin schon sehr gespannt, wie es wird, wenn ich mehrere Nächte auf mich allein gestellt bin.

Paulas Routen-Tipp
Route: Bern – Bremgarten – Uettlingen – Hinterkappelen – Bremgartenwald – Bern
Strecke: 34 km, 440 Hm
Dauer: etwa 2 h 45 min
Velo: Gravel
Wie ist die Streckenführung?
Das Rennen führt durch Spanien und Portugal. Der Start ist in Santiago de Compostela. Dann geht es nach Portugal und wieder zurück nach Spanien. Das Ziel ist in Córdoba. Die Route muss ich selbst planen. Es gibt einige Check-Points, an denen man vorbeifahren muss. Ich kann entscheiden, ob ich Gravel oder auf der Strasse fahren möchte und ob ich es lieber hügelig oder flach mag. Man muss einfach die Check-Points durchfahren, sonst ist alles erlaubt. Meine eigene Route habe ich schon grob geplant. Ich bin bei 1300 Kilometern und 23 000 Höhenmetern. Das wird happig.
Wie läuft die Vorbereitung auf das Rennen?
Sehr gut. Mein Mann und ich waren über Weihnachten auf Korsika bikepacken. Das war wunderschön. Ich liebe Inseln.
Bist du bei Langdistanzrennen schon mal an deine Grenzen gekommen?
Ja, schon mehrmals, sehr oft geweint, manchmal auch aus Freude, sehr oft wütend geworden. Beim Fahren so langer Strecken überschreitest du permanent deine Grenzen und fühlst wirklich alles.

Kannst du dich noch an ein Erlebnis erinnern, als du an deine Grenzen kamst?
Letztes Jahr bin ich beim «Dead Ends and Cake»-Rennen in der Schweiz mitgefahren. Es geht über 500 km mit Ziel in St. Gallen. Am dritten und letzten Tag war ich 50 km vor dem Ziel auf dem Veloweg an der Grenze zu Liechtenstein unterwegs. Auf einmal hatte ich einen Platten. Ich war in einen riesigen Nagel hineingefahren und konnte den Reifen trotz tubeless nicht wieder aufpumpen. Ich habe sogar den Schlauch gewechselt, aber es hat alles nichts geholfen. Da ich keinen anderen Ausweg sah, bin ich 5 km zur nächsten Tankstelle gelaufen. Ich habe meinen Mann angerufen, der mir mit dem Auto einen Ersatzschlauch brachte. Ich konnte endlich weiterfahren. Kaum war ich zurück auf dem Veloweg: wieder platt. Da war ich echt verzweifelt. Zum Glück hat es mein Mann mit seinem Velo zu mir geschafft. Wir haben seinen Schlauch genommen und alles umgebaut. Da wurde mir bewusst, dass ich eigentlich hätte aufgeben müssen, da ich nicht mehr self-supported war. Mein Mann hat mir aber ins Gewissen geredet und gesagt: Los, fahr, sonst bereust du es! Aus Verzweiflung habe ich die Route neu gezeichnet und den kürzesten Weg nach St. Gallen gewählt und musste auch noch viele Höhenmeter machen. Ich bin in St. Gallen als Letzte angekommen. Statt um 14 Uhr habe ich erst um 19 Uhr das Ziel erreicht. Aber ich komme da an und die sind alle noch am Warten, klatschen und feuern mich an. Das war Euphorie pur! Das ist genau das, was ich an der Ultra-Cycling-Community so super finde.
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