Veloplus-Kundin Vanessa fuhr während drei Monaten mit dem Velo von der Schweiz bis nach Griechenland. Auf 5’000 Kilometern begegnete sie eindrücklichen Landschaften, hilfsbereiten Menschen und einigen Herausforderungen – und verfolgte dabei ein ganz persönliches Ziel: Mit ihrem Projekt «Rouler pour Magda» wollte sie die Widerstandskraft ihrer Mutter würdigen und auf deren Geschichte aufmerksam machen.
Reisebericht von Vanessa

Fahren für Magda
Am 1. Mai bin ich mit meinem Velo Richtung Griechenland aufgebrochen. Drei Monate lagen vor mir, 5’000 Kilometer, ziemlich viele Berge und Anstiege, auf die ich definitiv nicht besonders gespannt war – und keine Ahnung, ob ich es überhaupt schaffen würde. Schliesslich war es mein erstes Bikepacking-Abenteuer.
Ich hatte aber einen Grund loszufahren.
Vor zehn Jahren überlebte meine Mutter einen schweren Autounfall, für den sie nicht verantwortlich war. Seit 2016 liegt ein langer und schwieriger Weg der Genesung hinter ihr. Sie musste wieder laufen lernen, mit den bleibenden Folgen des Unfalls umgehen und akzeptieren, dass sie ihren geliebten Beruf nicht mehr ausüben können würde. Dazu kam ein langwieriger und komplizierter Versicherungsfall.
5’000 Kilometer mit dem Velo zu fahren war meine Art, ihre Widerstandskraft zu feiern und dankbar dafür zu sein, dass sie noch da ist und sich trotz bleibender Folgen erstaunlich gut erholen konnte. Gleichzeitig wollte ich auf ihre Geschichte aufmerksam machen und Unterstützung für ihren Fall sammeln. Ich hatte also einige Gründe, die mich weiterfahren liessen, wenn die Strasse vor mir steil wurde.

Italien
Der erste grosse Meilenstein war der Simplonpass. Der Aufstieg war lang und hart, aber ich habe es geschafft – auch dank der Anwesenheit und der guten Energie meines Cousins Mirko, der mich auf diesem ersten Abschnitt begleitete. Zum Glück waren wir an einem Sonntag dort. Es hatte weniger Verkehr, in den Tunnels waren keine Lastwagen unterwegs und Schnee lag glücklicherweise auch keiner auf der Strasse.
In Domodossola wurde ich von Paola beherbergt und entdeckte die Warmshowers-Community. Es war eine der ersten von vielen Begegnungen während dieser Reise, bei denen ich die Freundlichkeit und Solidarität anderer Velofahrer erleben durfte: Menschen, die spontan ihre Hilfe anboten, einen Kaffee oder ein Gespräch teilten, Tipps gaben oder einfach zum Gruss winkten – ein bisschen wie Busfahrer, die sich beim Kreuzen grüssen.
Bis Genua gab es viel Grün, viele Hügel und ziemlich oft die Frage, warum ich mir das eigentlich ausgesucht hatte.Ich übernachtete bei Gastgeber in der Reisanbauregion, ass Farinata und bekam den Tipp für einen wunderschönen Campingplatz in den Bergen: La Baita del Rio Sorgente. Als ich Genua und das Meer erreichte, war ich absurd glücklich.


Zufälligerweise fand an diesem Wochenende auch die Radunata degli Alpini statt, ein riesiges Treffen ehemaliger Militärangehöriger aus ganz Italien. Die Stadt war voller grüner Hüte mit Federn, Musik und Menschen. Meine ersten beiden Ruhetage verbrachte ich in Rapallo. Ich habe eigentlich nur gegessen und geschlafen. Danach begann sich mein Körper langsam an 60 bis 80 Kilometer pro Tag zu gewöhnen.
Ich fuhr weiter Richtung Neapel, wann immer möglich dem Meer entlang, durch die wunderschöne Toskana, vorbei an Fiumicino und mit einem gewissen Überlebenswillen durch den Verkehr im Latium. Meine Route hatte ich so geplant, dass sie möglichst nahe am Meer verlief – vor allem, um unnötige Anstiege zu vermeiden. Es funktionierte … ungefähr zur Hälfte. Aber jeder Aufstieg war es wert.
Kurz vor Neapel machte ich in Pozzuoli einen kurzen Halt, einem kleinen, etwas versteckten Ort in der Nähe der Solfatara. Ich war sehr froh, ihn entdeckt zu haben.
Von Neapel nahm ich die Fähre nach Palermo und fuhr anschliessend der Nordküste Siziliens entlang, durch Floresta und über die Hügel rund um den Ätna Richtung Taormina. Die Aussicht war spektakulär. Von dort ging es weiter nach Messina und mit der Fähre nach Kalabrien. Die Wärme und Herzlichkeit der Menschen in Süditalien beeindruckten mich genauso wie die Landschaft.
In Kalabrien fuhr ich von Reggio Calabria Richtung Matera und landete auf der SS106. Erst später erfuhr ich, dass diese Strasse als ziemlich gefährlich gilt. Vielleicht war es besser, das vorher nicht zu wissen. Beim nächsten Mal würde ich vielleicht die Route durch den Apennin nehmen – auch wenn es dort höher hinaufgeht.

Gerade in diesem Teil der Reise war das Material, das ich von Veloplus erhalten hatte, eine grosse Hilfe. Ich hatte gleich zwei Platten hintereinander, nachdem ich in einem dunklen Tunnel ein Schlagloch erwischt hatte, das ich nicht sehen konnte.
Mit Multitool und Ersatzteilen – und dank zweier sehr freundlicher «Engel der Strasse», die spontan anhielten und halfen – war ich innerhalb von weniger als 20 Minuten wieder unterwegs. Ein anderes Mal musste ich nach einem gerissenen Schaltkabel rund 60 Kilometer im kleinsten Gang fahren, bis ich endlich eine Velowerkstatt erreichte. Franco reparierte mein Velo und liess mich danach noch eine Brasilena probieren, ein lokales sprudelndes Kaffeegetränk.
In Matera besuchte ich das TAM Museum, was grossartig war, und verbrachte viel Zeit damit, durch die Sassi zu laufen.
Anfang Juni erreichte ich Brindisi. Danach nahm ich den Zug bis Rimini, um ein paar Tage einzusparen. Von dort fuhr ich nach Bologna, wo ich meinen ersten längeren Aufenthalt einlegte, um das erste von drei Wandbildern zu malen. Die drei Wandbilder sind den Werten gewidmet, die meine Mutter während ihres Genesungswegs verkörpert hat: Würde, Resilienz und Dankbarkeit.
Ich malte das Bild im Ex-Dynamo, einem aussergewöhnlichen Ort, der ein Kulturzentrum mit einem Projekt zur Förderung des Velofahrens und nachhaltiger Mobilität durch die Arbeit von Salvaiciclisti Bologna verbindet. Ex-Dynamo verfügt ausserdem über ein Café, Räume und eine Terrasse für Konzerte, Illustrationsfestivals, Treffen und Veranstaltungen von Umwelt- und Klimaorganisationen. Dazu kommen eine gemeinschaftliche Velowerkstatt, ein grosser Velopark und eine Reparaturwerkstatt.
Mein Velo blieb dort ein paar Tage, während ich malte, und bekam gleich neue Reifen.
Von Bologna fuhr ich Richtung Venedig und über den Lido. Das war einer der schönsten Abschnitte der ganzen Reise.

Ich besuchte die Biennale, traf meine Familie, die in der Nähe lebt, und verabschiedete mich schliesslich mit ziemlich viel Wehmut von Italien, als ich Triest erreichte. Sizilien bleibt wahrscheinlich meine schönste Entdeckung. Ich möchte definitiv zurückkehren und noch mehr davon mit dem Velo erkunden.
Von Italien nach Albanien
Von Italien ging es durch Slowenien und seine wunderschönen Wälder so schnell wie möglich Richtung Zagreb.

Dort entstand mein zweites Wandbild in einem Zentrum für Krebsforschung und -behandlung. Ich hätte nie erwartet, beim Malen mit den Patient, die im selben Raum auf ihre Therapiesitzungen warteten, so viel Lebensfreude und Energie zu erleben. Es war eine sehr berührende Erfahrung und gehört zu den Momenten, die mir von der Reise am stärksten in Erinnerung bleiben werden.
Mein Nachbar Simon schloss sich mir in Zagreb an und fuhr mit mir bis nach Tirana. Er war deutlich schneller als ich und schaffte es irgendwie immer, als Erster auf dem Campingplatz anzukommen.
Gemeinsam entdeckten wir die Magie Kroatiens, seine Berge und Strände, und hüpften ein paar Mal auf und von Fähren zu verschiedenen Inseln. Wir machten Halt in Dubrovnik und verbrachten einige Tage in Montenegro, wo ich die berühmte Serpentinenstrasse von Kotor entdeckte. Sie war erstaunlicherweise viel einfacher zu fahren, als ich gedacht hatte. Die Aussicht – und die Ermutigung der vorbeifahrenden Autofahrer – halfen ebenfalls.

Wir fuhren weiter Richtung Shkoder See und erreichten nach ungefähr zehn Tagen Tirana. Ein paar streunende Hunde, keine grösseren Probleme und eine unglaubliche Freundlichkeit und Offenheit der albanischen Bevölkerung machten diesen Teil der Reise besonders schön.
In Tirana trennten sich unsere Wege. Simon traf seine Freundin Sarah und erkundete Albanien mit dem Auto weiter, während ich Richtung Süden nach Vlora fuhr – meinem letzten grossen Anstieg der Reise: dem Llogara-Pass. Es war ein wunderschöner Aufstieg und eine noch bessere Abfahrt.


In Albanien tauchten immer wieder Tiere mitten auf der Strasse auf, um mich zu begrüssen: Ziegen, Pferde, Schlangen und ein paar streunende Hunde, die meisten davon deutlich ruhiger als ihre italienischen Artgenossen.
Bis Griechenland musste ich warten, um einer ganzen Familie von Wildschweinen zu begegnen, die gemütlich mitten auf der Strasse herumlag.
Eines Abends hielt ich in der Nähe von Saranda an und blickte vom Strand aus über das Meer nach Korfu. Am nächsten Tag nahm ich das Boot und sass am Abend auf der Insel. Es war Mitte Juli.
Griechenland und das Ziel
Mit dem Velo durch Korfu zu fahren, war ein Traum: ruhige Strassen, relativ flach und ein wunderschöner Strand nach dem anderen.


Der letzte Abschnitt von Igoumenitsa nach Athen war wahrscheinlich der härteste Teil der ganzen Reise. Nicht unbedingt wegen der Anstiege, sondern weil alle fünf Minuten eine weitere wunderschöne kleine Bucht auftauchte, umgeben von einer unglaublichen Landschaft. Ich hätte bei jeder einzelnen ins Wasser springen können. Stattdessen musste ich mich konzentrieren und weiterfahren.

Das Sitzkissen von Veloplus machte während der gesamten Reise einen grossen Unterschied und half mir definitiv, weiterzufahren. Leider hatte ich es etwas zu klein gewählt und es ging kurz vor Athen kaputt.
Die Ankunft am Freitag, dem 31. Juli, war besonders. An diesem Tag brach in der Region Attika ein grosses Feuer aus, und ich konnte die riesige graue Rauchwolke sehen, die in der Ferne aufstieg. Ich war nicht unmittelbar in Gefahr, aber es war schwierig, nicht an all die anderen Brände zu denken, von denen ich in ganz Europa gehört hatte, und an die Temperaturen, die mich während der drei Monate begleitet hatten.
An manchen Tagen fuhr ich bei 38 Grad, trank ungefähr zehn Liter Wasser am Tag und hatte trotzdem Durst. Während fast zwei Monaten sah ich kaum Regen – vielleicht fünf Minuten an drei verschiedenen Tagen. Nach drei Monaten, in denen ich meistens der Küste entlangfuhr und der Wind vom Meer die Hitze oft erträglicher machte, gab mir das einiges zu denken.
Aber ich hatte es geschafft.

5’000 Kilometer mit dem Velo – 6’150 Kilometer, wenn man die Zug- und Fährstrecken dazuzählt.
In Athen malte ich das letzte Wandbild des Projekts. Es ist der Dankbarkeit gewidmet und entstand in einem städtischen Park zusammen mit zwei weiteren Künstler aus Irland und Portugal.

Was ich mit nach Hause genommen habe
Es war mein erstes Bikepacking-Abenteuer und ich hielt es bewusst einfach: 60 bis 80 Kilometer pro Tag, viele Pausen, um die Landschaft zu geniessen, Schatten zu suchen, Gelato zu essen und mich gelegentlich zu fragen, was ich mir eigentlich dabei gedacht hatte. Jetzt, wo die Anstiege, der Schweiss und die schmerzenden Muskeln hinter mir liegen, merke ich, dass ich mit einer fast schon absurden Menge an schönen Erinnerungen zurückgekommen bin.
Während der Reise musste ich oft daran denken, wie viel Mut und Widerstandskraft meine Mutter auf ihrem Weg gebraucht hat – und mit ihr all jene Menschen, die sich nach einem schweren Unfall ein neues Leben aufbauen müssen.
Ich habe mich für die Anstiege, die Hitze, die schmerzenden Beine und die langen Tage entschieden. Nur für drei Monate, ohne grosse körperliche oder lebensverändernde Folgen.
Menschen, die sich von einem schweren Unfall erholen, entscheiden sich nicht für ihren Weg. Sie müssen ihn trotzdem gehen.
Dieser Gedanke hat mich während der ganzen Reise begleitet.

Was ich ebenfalls mit nach Hause genommen habe, ist ein erneuertes Vertrauen darin, wie viel Freundlichkeit es auf der Welt gibt. Menschen boten mir eine Mahlzeit, einen Kaffee, einen Schlafplatz, ein Ersatzteil, eine Wegbeschreibung oder einen Tipp an – oder einfach ein paar ermutigende Worte. Manchmal war es ein anderer Velofahrer oder eine andere Velofahrerin, manchmal eine fremde Person, manchmal jemand, der überhaupt keinen Grund gehabt hätte zu helfen, es aber trotzdem tat.
Am Ende war diese Reise für mich deshalb viel mehr als 5’000 Kilometer mit dem Velo. Sie war eine Erinnerung daran, wie viel man unterwegs über andere Menschen, über sich selbst und über das Weitergehen lernen kann.
Danke an die Velocommunity, an Veloplus und an alle Sponsoren und Menschen, die dieses Projekt unterstützt haben und auf die eine oder andere Weise für Magda mitgefahren sind.

Das hatte Vanessa dabei:
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«Das absolut Beste für die Reise.» – Vanessa
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«Das Multitool von Veloplus war bei meiner ersten Reifenpanne in Kalabrien eine grosse Hilfe.» – Vanessa
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