Von Bern nach Lissabon: allein, aber nie einsam

Veloplus-Kundin Leonie war auf einer Veloreise von Bern nach Lissabon. Im Reisebericht erzählt Leonie von neuen Bekanntschaften, wie sie von einer Wildsau gejagt wurde und weshalb Sie Spanien als Veloreiseland unterschätzt hat.

Reisebericht von Leonie

Am 1. Dezember 2025 startete ich im Schnee Richtung Atlantik. Warm eingepackt, mit einem Grinsen auf dem Gesicht und gespannt: Was wartet in den nächsten zwei Wochen auf mich? Allein unterwegs, mit nichts als einem Fahrrad. Für mich ist dies Freiheit, für andere teils noch eine Irritation, gemischt mit einem kleinen bisschen Unverständnis.

Noch zwei Wochen zuvor hatte ich intensiv darüber nachgedacht, wie ich meine Ferien verbringen möchte. Die entscheidende Frage lautete schliesslich: Was macht mich wirklich glücklich? Die Antwort kam schnell: Fahrradfahren und Menschen kennenlernen. Elf Tage Zeit für die Strecke, ein Fahrrad und die Freiheit, einfach loszufahren. Aber wohin? Es sollte eine grössere Stadt werden, am liebsten eine, in der ich noch nie gewesen war. Lissabon klang perfekt, da mich die lange Strecke sehr reizt.

Planung mit Vertrauen statt Holtelübernachtungen

Ich plante meine Route anhand der Warmshower-Hosts (eine App ähnlich wie Couchsurfing für Veloreisende). Es war meine erste längere Tour allein, somit wollte ich bewusst jeden Tag neue Menschen kennenlernen, weil mir Begegnungen mit Menschen immer besonders bereichernd in Erinnerung bleiben.
Damit ich entspannt unterwegs sein konnte, wägte ich ab wo ich mich als alleinreisende Frau besonders wohlfühlen würde. Meine Anfragen gingen deshalb gezielt an Familien, Frauen und Paare mit sympathischen Bewertungen.

Vom Schnee zu Ziegenkäsesandwiches und offenen Türen

So startete ich voller Vorfreude in Richtung Frankreich: durchs Val de Travers, dann stetig westwärts zum Atlantik. Meine Route führte mich über Louhans, Moulins, Bordeaux und schliesslich nach Bayonne. Kulinarisch verpflegte ich mich absolut erstklassig: Oft gab es Ziegenkäse-Feigen/Dattel-Sandwich. An einem Tag schenkten mir die Hosts aus Bordeaux eine leckere selbstgemachte Konfitüre, mit Feigen aus dem Garten, welche perfekt in mein Sandwich passte. Allein dafür hätte sich die Tour schon gelohnt.

Das Wetter zeigte sich abwechslungsreich, und ich war jeden Abend dankbar, meine nassen Kleider bei den Hosts trocknen zu können. Im Regen erreichte ich schliesslich das wilde Meer und fuhr auf Velowegen durch dichte Küstenwälder. Nach Bayonne erwischte ich an einem Wochenende kurz nach der Grenze zu Spanien ein Tal, das sich als wahres Veloparadies entpuppte. Immer wieder war ich Teil kleiner Fahrradgruppen und konnte im Windschatten strammer Waden im Affentempo ins Tal hineinfahren. Am Wendepunkt der einen Gruppe, gab es gemeinsam einen Kaffee und eine kleine Plauderrunde. Auf der ganzen Strecke begegnete ich nur in diesem Tal anderen Velofahrenden.

Nach dem Kaffee ging es hügelig weiter. Ich gestehe, ich unterschätzte das hüglige Spanien, bei dem ich Teils der Schnee und kleine Skilifte grüsste. In meiner Vorstellung musste ich nur die Pyrenäen überwinden, danach würde es flach bis ans Meer gehen. 😉 Dem war nicht so und ich fuhr trotz dieser Erkenntnis unglaublich gerne die Hügel hoch und bewegte mich durch sie, in meinem eigenen Rhythmus.

Geier, Hirsche und eine ungehaltene Wildsau

Da die Tage kurz waren und viele Kilometer vor mir lagen, begann und endete fast jeder Tag vor und nach den letzten Sonnenstrahlen, wodurch ich meist wunderschöne Sonnenuntergänge am Abend und Sonnenaufgänge am Morgen erleben durfte. An einem Abend erschreckte ich mich in einem Kleinen Naturpark mit den Hischen um die Wette. Am nächsten Tag, am späten Nachmittag lieferte ich mir ein (ungewolltes) Rennen mit einer Wildsau-Mama, die wenig Freude daran hatte, dass ich während der Fahrt ihre drei Babys fotografierte. Die nächsten zwanzig Kilometer fuhr ich leicht paranoid weiter, stets bereit, dass sie hinter dem nächsten Busch hervorspringen könnte. Zusätzlich begleiteten mich Geier, die stillen Beobachter, während ich meine Höhenmeter radelte.

Meine Route führte mich über Logroño, Aranda de Duero, El Barco und Lodeiro Richtung Lissabon. Zwei Tage vor dem Ziel wurde ich schliesslich mit Rückenwind beschenkt, ein Traum! So verkürzte ich die Tour spontan auf zehn Tage. Ich genoss es, die Distanzen so zu planen, wie ich wollte und spontane Änderungen vornehmen zu können.

Bei den gelben Buchstaben angekommen

Zehn Tage dauerte meine Fahrt von Bern nach Lissabon. 2115 Kilometer, ganz ohne Musik oder Hörspiele. Ich genoss die Ruhe, den Wind, der mir um das Gesicht strich, die Landschaft und die Begegnungen. Ich liebe dieses Tempo und diese Art des Reisens. Die Menschen sind neugierig: „Eine Frau allein mit dem Fahrrad, hast du keine Angst?“. Diese Frage hörte ich oft, ich stellte mir diese Frage zurück auf dem Fahrrad selbst, und durfte erkennen, dass es einzig die Dunkelheit ist, welche mich etwas gruselt, denn diese kann ich nicht beeinflussen. Sie kommt und geht, wann sie will. Wo ich übernachte, wo ich anhalte, das kann ich selbst entscheiden.

Ich erlebte die Natur und das Wetter intensiv, nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Die Landschaften und Farben bleiben hängen, die Tiere und Geschmäcker nehme ich bewusst war.

Allein, aber nie einsam

Die Begegnungen mit den Menschen während der Fahrt, beim Wasserfüllen, den Pausen und am Abend waren eine grosse Bereicherung: Ich wurde liebevoll bekocht, ging gemeinsam mit ihnen in Bäckereien, um mir ihre Lieblingsbackwaren zeigen zu lassen, erkundete kleine Städtchen oder sass abends mit der ganzen Familie am Küchentisch und plauderten stundenlang.

Mich inspiriert es, in andere Realitäten zu blicken: zu hören, was Menschen antreibt, wie sie leben und ihre Wohnungen, Kunstwerke, Fotografien und Erinnerungsstücke zu entdecken. Ich empfand die Hosts jeweils am Abend als sehr verbindend und Vertrauen stärkend. Ich wurde behandelt wie ein Familienmitglied, welches schon immer da wohnt. Genau das macht diese Art des Reisens für mich so besonders.

Warum Sichtbarkeit eine kleine Revolution sein kann

Ich bin unglaublich dankbar, dass mein Körper solche Strecken eine längere Zeit mit Energie und ohne Beschwerden meisten kann! Ich musste mir während der Fahrt an keinem Punkt überlegen, ob ich die Strecke schaffen werde, ich traute mir dies zu und ich erachte dies als eine riesige Freiheit und ein unglaubliches Privileg. Zusätzlich war es mir möglich alleine als weisse Frau aus der Schweiz unterwegs zu sein und überall mit offenen Armen begrüsst zu werden, mit vollstem Vertrauen mir gegenüber. Dieses Vertrauen und diese Offenheit berühren mich sehr und gleichzeitig machen sie mir bewusst, dass nicht alle Menschen auf dieser Welt sich mit derselben Selbstverständlichkeit und Sicherheit frei bewegen können.

Ich sah vor allem Männer auf dem Fahrrad. Es war toll mit ihnen zu fahren, gemeinsam Kilometer zu teilen und keuchend oder beim Kaffee Gespräche zu führen. Jedoch würde es mich freuen, mehr FINTA Personen auf dem Fahrrad zu sehen! Mehr, die sich den Raum nehmen, unterwegs zu sein, sichtbar zu sein und ihre eigenen Wege zu fahren.

FUERZA stand auf einem Gebäude in Spanien. Wir sind stark! Dieses Wort begleitete mich weiter auf der Reise und auch jetzt danach. Auch auf dieser Fahrradtour wurde ich teils angehupt oder es wurde aus dem Auto gecatcallt. Momente, bei denen ich auf dem Fahrrad aus meinen Gedanken aufschrecke, die kurz irritieren oder verunsichern können. Und dennoch zeigen sie auch, wie wichtig es ist, dass wir präsent und unterwegs sind, dass wir Raum einnehmen. Auf dem Sattel der Strasse entlang, den Berg hoch oder auch auf langen Reisen. Jede sichtbare Fahrt von uns ist vielleicht auch eine kleine Einladung für andere, es ebenfalls zu wagen. FUERZA!


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