Veloplus-Kundin Barbara Bill war für 6 Monate mit dem Fahrrad unterwegs im Balkan. Im Reisebericht erzählt Barbara, was Sie dabei erlebt hat und weshalb Sie sich nach bellenden Hunden sehnt.
Reisebericht von Barbara Bill

Von Weitem hören wir Hundegebell. Es kommt immer näher, so nah, bis zwischen den kläffenden
Schnauzen der Hunde und unseren Köpfen nur noch eine dünne Zeltwand ist. Wir drehen uns im
Schlafsack, unsere Blicke treffen sich und fragen: aufstehen und Lärm machen oder liegenbleiben und
möglichst still sein? Wir entscheiden uns für Letzteres. Nach ein paar Minuten verschwinden die
Hunde und damit auch die Angst davor, plötzlich eine Schnauze im Gesicht zu haben. Gute
Entscheidung… unsere Augen fallen zu. Nach einiger Zeit werden wir wieder aus unruhigem Schlaf
geweckt. Die Hunde sind zurück. Sie sind zahlreicher, haben sie Verstärkung geholt? Und wieder die
Entscheidung: liegenbleiben, Krawall machen oder den Pfefferspray einsetzen? Wir sind zu
verschlafen, um uns mit Hunden zu streiten, es ist viel zu früh. Während wir im Stillen hin- und her
debattieren, verschwindet das Rudel erneut. Wir kriechen schnell aus dem Zelt, packen unsere Sachen
zusammen und verschwinden.


Den Rhythmus finden
Im April brechen wir auf. Zwei Fahrräder, voll beladen mit Taschen, nur mit dem Wesentlichen, wie
wir denken. Später werden wir zweimal ein grosses Paket nach Hause schicken. Die Erfahrung mit
den Postämtern wäre eine weitere Geschichte.

Wir starten in Bern Richtung Berner Oberland. Der Aprilschnee lässt uns länger als geplant bei
Freund:innen in Meiringen verweilen. Endlich unterwegs, finden wir unseren Rhythmus schnell. Den
ersten Kaffee gibt’s noch im Zelt, dann Porridge kochen, zusammenpacken und losfahren. Die Welt
schrumpft auf das Wesentliche. Fahren, essen, schlafen. Und doch verbringen wir viel Zeit an
unseren Handys, um mögliche Schlafplätze zu finden, Routen zu planen, Trinkwasserquellen zu
suchen. Dazwischen baden wir in Flüssen und im Meer, waschen Staub, Schweiß, Sonnencrème und
Müdigkeit von der Haut.


Zwischen Bergen und Meer
Durch Norditalien und Slowenien an die Küste Kroatiens, weiter durch die beeindruckenden Berge
und Täler von Bosnien, die wunderschönen Naturpärke in Montenegro, Albanien und Kosovo. In
Nordmazedonien der Drin und dem Ohridsee entlang bis nach Griechenland. Die Landschaft wechselt
ständig. Sanfte Hügel gehen in steile Pässe über, grüne Täler in karge, raue Berglandschaften. Das
Meer taucht auf und verschwindet wieder. Flussbette werden trockener, die Hitze auf dem Asphalt
unerträglich, wir freuen uns über den Wind während den Passabfahrten.

Die Nächte im Zelt sind zuerst kühl und werden dann immer heisser. Jeder Tag fühlt sich anders an – und doch immer gleich. Der Sommer kommt und die Tage in Griechenland werden richtig heiss. Die Nachmittage und Abende verbringen wir im Schatten, wenn möglich unter Bäumen und am liebsten in Meeresnähe. Es ist zu heiss für irgendwas. Wir schwitzen beim Kochen, beim Lesen, beim Hängemattieren. Nur ja nicht sich selber berühren! Nach ein paar Wochen haben wir genug, und wir fliehen vor der Hitze in die Bulgarischen Berge. Dort ist es kühler, nur 30°C. Immerhin. Wir fahren sogar in den ersten Regen seit zwei Monaten. Und nach drei Stunden ist es mir schon wieder zu kalt. Am Ohridsee kreuzen wir unsere eigene Route, durchqueren Albanien und fahren der Küste entlang wieder nach Griechenland.


Was machst du dort?
Was heisst da eigentlich fahren? Regelmässig schieben wir unsere Fahrräder über Stock und Stein,
durch den Sand, durchs Gebüsch, steile, steinige Wege hinauf und bremsen uns die Hände müde bei
Abfahrten auf schwierigen Naturwegen. Esel wären manchmal die bessere Wahl. Zuhause muss ich
meine neugierigen Mitmenschen enttäuschen, die mich fragen, ob eigentlich mein
Oberschenkelumfang grösser wurde. Ich komme vor allem mit trainierten Oberarmen zurück.
Natur pur
Abseits der Straßen finden wir unsere Schlafplätze. Versteckt hinter Büschen, mitten in den Bergen,
manchmal direkt am Wasser. Natürlich gibt’s auch Nächte, in denen wir kaum schlafen – wenn der
Wind am Zelt rüttelt, es viel zu heiss ist oder wir früh morgens von wilden Hunden geweckt werden.
Immer wieder diese Hunde. Bellende Hunde, die aus der Dunkelheit auftauchen, aus Hinterhöfen,
aus Unterholz, aus dem Nichts. Sie begleiten uns täglich, mal länger, mal nur ganz kurz. Wir fluchen,
lachen und ab und zu würden wir am liebsten einen der Welpen in unsere Velotaschen packen und
mitnehmen. Hunde werden Teil der Reise, genauso wie staubige Schuhe, klebrige Haut, salzige Haare
und unsere tägliche Tüte Chips.

Luxus
Kochen und einkaufen ist ein grosser und wichtiger Teil unseres Alltags. Wir haben eine grosse Küche
dabei: Zwei Kocher, mehrere Töpfe, Schneidbretter, Gewürz-Set, Bialetti, einen Victorinox-Schnitzer.
Diesen Luxus gönnen wir uns. Jedes Mal, wenn wir eine Grenze in ein EU-Land überqueren, freuen
wir uns unglaublich. Denn dann wissen wir, dass wir in den nächsten Tagen essen werden, als wären
wir in einem Gourmet-Restaurant im Nirgendwo unterm Sternenhimmel. Doch auch die kleinen,
lokalen Lebensmittelläden sind immer eine Freude und überraschen uns regelmässig mit ihrem Sortiment.


Fünf Monate leben wir so. Zwischen Bergen und Meer, Hitze und Kälte, Anstrengung und
Glücksgefühl. Am Ende bleiben starke Arme, ausdauernde Beine, ein ruhiger Kopf und das Gefühl,
dass wir unterwegs und in der Natur zuhause sind.
Und jetzt?
Nach ein paar Monaten Alltag, sehne ich mich danach, das Wetter zu spüren, in Flüssen und im Meer
zu baden, raue Berglandschaften zu erleben, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Jeden
Morgen aus dem Zelt zu kriechen, Kaffee zu kochen und zu entscheiden, wo es heute langgeht,
bedeutet für mich Freiheit. Ich sehne mich nach den Tagen, an denen ich nur Velohosen getragen
habe, jedes Shirt nach Schweiss gestunken und die Haut nach nichts anderem als Sonnencrème
gerochen hat. Ich sehne mich sogar nach den friedlich bellenden Hunden.

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