Einmal durch Europa mit dem Fahrrad. Die Veloplus-Kund:innen Annina und Joel erfüllten sich einen Traum und nahmen nach dem Studium eine Auszeit für eine grosse Veloreise. Anstatt weit in die Ferne zu Reisen, führte sie ihr Weg durch 9 Länder quer durch Europa.
Reisebericht von Annina und Joel
Eine Auszeit mit dem Fahrrad für 5 bis 6 Monate nach dem erfolgreichen Absolvieren des Studiums. Doch wohin? Neuseeland? Japan? Sri Lanka? Doch was ist mit Europa? Hat es nicht auf unserem Heimatskontinent noch genug Fleckchen, die es zu entdecken gilt? Ganz ohne Flugzeug. Nur Velo und vielleicht mal ein Zug. Passt für uns sowieso viel besser ins Konzept «Bikepacking» und «Slow Travelling». Diese Gedanken führten uns zu einer 5-monatigen Reise durch 9 europäische Länder. Knapp 7’000 km rollten unsere zwei Villiger Diamant Tourenvelos von Hamburg bis nach Sevilla, ganz ohne Platten!!
Dänemark als perfekter Startpunkt
Um den Start im Juli etwas in den Norden zu verschieben, buchten wir etwa 3 Monate im Voraus die Deutsche Bahn von Basel nach Hamburg. So hatten unsere Velos einen Platz gesichert und wir reisten erst noch günstig in den Norden. Nach einer kurzen Radtour durch Deutschland überquerten wir unsere erste Grenze per Fahrrad: Deutschland-Dänemark. Dänemark ist ein richtiges Einsteiger Bikepacker Land. Gut beschilderte, flache Fahrradwege. Das Land ist übersät mit Sheltern und Plätzen zum legalen Wildcampen. Einige können online gebucht werden, viele können auch einfach angesteuert und ausgekundschaftet werden. Wir genossen viele Tage und Nächte in der Natur. Teils mit Sonne, teils mit Regen. Aber auf dieses wechselhafte Wetter stellten wir uns schon ein im Norden Europas.


Keine Angst vor dem „Verbotenen“
Nach dem verhältnismässig kleinen Land Dänemark setzten wir mit der Fähre über nach Kristiansand, Norwegen. Das Land, von dem wir zwei Jahre zuvor den nördlichsten Punkt bereits beradelt hatten, wartete auf uns. Der Süden Norwegens brachte uns ab Sekunde eins zum Staunen und bis heute ist es unser Lieblingsland. Den Fjorden entlang schlängelten wir uns Richtung Bergen. Meist auf dem Rad, zwischendurch mit einer Fähre, gratis für Fussgänger und Velos wohlgemerkt (okay, erwischt man mal eine Privatfähre gilt dies leider nicht). Dank dem Jedermannsrecht in Skandinavien und der weiten Natur ist es sehr leicht wild zu campen mit einem guten Gewissen und ohne «Angst vor dem Verbotenen». Grundregeln dafür sind für uns das Logischste der Welt. Keine sicht- oder riechbaren Spuren hinterlassen (wirklich keine, auch keine Nastücher, ihgitt wie wir das hassen, eine Kackschaufel also unabdingbar), genügend Abstand zu bewohnten Gebieten halten oder einfach die Menschen fragen und schlussendlich alles mit Respekt zur Natur. Denn sie ist zu kostbar, um sie aufs Spiel zu setzen.
Noch bevor wir Bergen erreichten, brachte uns der Sturm Floris zum Innehalten und Päuselen in einem Airbnb direkt oberhalb der Küste. Ein unglaubliches Erlebnis, die Kraft der Natur zu beobachten und zu spüren. Um Bergen von Kristiansand aus zu erreichen, folgten wir der nationalen Radstrecke Nr. 1, was dem EuroVelo 12 entspricht. Ohne zusätzliche Navigationsmittel ist diese Strecke perfekt beschildert.

Haarnadelkurven und Höhenmeter
Von Bergen aus wagten wir uns in die Richtung des Rallarvegens, dem Bahnarbeiterweg. Dieser Weg führt einem über die Hochebene Hardangervidda in Richtung Oslo. Wir machten uns das Leben aber nicht so leicht wie viele Tagestouristen, die mit dem Zug die Höhenmeter zurücklegten. Wir wollten da natürlich aus eigener Kraft hochkommen. Bis auf 21 Haarnadelkurven mit knapp 400 Höhenmetern auf schlechtem Untergrund war der Anstieg auf die Hochebene gut machbar. Zum Glück waren wir früh genug unterwegs, denn wie wir bemerkten, fuhren die Tagestouristen den Weg meist in umgekehrter Richtung. So hatten wir noch nicht zu viel Gegenverkehr beim Hochkämpfen. Dieser Anstieg war echt hart, aber es hat sich sowas von gelohnt! Über diese Hochebene zu fahren ist mit das Schönste, was wir erleben durften. Sogar Moltebær und wilde Blaubeeren gabs zum Schnausen! Auch das Übernachten im Zelt ist auf der Hochebene erlaubt und bietet wunderschöne Plätze! Ein Traum! Beim Erreichen und Erkunden von Oslo neigte sich der August schon bald zu Ende und wir entschieden uns für den Weg in den Süden.

Auf dem Weg in Richtung Göteborg gab es einige Tage zum Kämpfen. Die EuroVelo 3 von Oslo nach Göteborg ist leider noch nicht ausgebaut und führt oft über sehr befahrene Strassen. Aber auch das gehört dazu und wir wurden mit dem Kattegattleden von Göteborg nach Helsingborg entschädigt. Ein ruhiger, gut ausgeschildeter und gemütlicher Fahrradweg. Definitiv anfängertauglich, jedoch war es für uns beinahe unmöglich, wild zu campen. Das Gebiet ist sehr stark überbaut. Aber Campingplätze fanden wir überall. Von Helsingborg aus überquerten wir wieder mal eine Grenze per Fähre: Helsingborg-Helsingør. Zurück in Dänemark! Mit einem längeren Kopenhagen-Aufenthalt in einem schnuggeligen Airbnb eines Journalisten, erfüllten wir uns einen kleinen Traum, denn die Stadt ist der Wahnsinn. Wir liebten es! Die Fahrt ging danach weiter Richtung Süden, wo eine erneute Fähre uns nach Rostock, Deutschland führte. Die Zugfahrt Rostock-Berlin-Amsterdam verkürzte uns ein bisschen den Weg. Diese Fahrten verliefen problemlos, wobei wir sogar riesige Veloabteile für unsere zwei Velos ganz alleine hatten.

Knotenpunkte und ein unbemerkter Grenzübergang
Die Reise zusammen mit den Zugvögeln führte uns durch das flache aber dementsprechend windige Holland. Das velofreundliche Land erwartete uns mit perfekten Velostrassen, «zwang» uns aber auch zu einer Pause aufgrund stürmischer Verhältnisse. Wir genossen eine Auszeit in einem kleinen Haus am Meer. Belgien folgte schon bald und wir lernten ihre Knotenpunkt-Navigation kennen. In einer zufälligen Abfolge von Knotenpunkten schlängelt man sich durch ihr perfektes Velowegnetz. Ein kleines Städtehopping Brügge-Gent-Brüssel brachte uns das Land etwas näher. Warm wurden wir mit Brügge und Gent, jedoch enttäuschte uns Brüssel ein bisschen. Ist aber auf jeden Fall Geschmackssache.

Der Übergang Belgien-Frankreich blieb unbemerkt, bis plötzlich die Autos vermehrt französische Kennzeichen hatten. Frankreich durchquerten wir auf dem perfekt ausgeschilderten EuroVelo3 mit tagelangen Kanalfahrten oder alte Bahnlinien durch den Wald, sogenannte «Voies Vertes». Wir lebten die Baguette Kultur und genossen viel Ruhe in den französischen Dörfern, unterbrochen von einer Paris-Durchquerung inklusive Fahrt um den Arc de Triomphe.


Dieses grosse Land von Norden nach Süden zu durchqueren und die landschaftliche, architektonische und kulturelle Veränderung mitzuerleben war sehr eindrücklich. Plötzlich trennten uns nur noch die Pyrenäen von Spanien. Diese überquerten wir weiter auf dem EuroVelo3 und genossen die atemberaubende Natur. Die Sprache wechselte von Französisch auf Baskisch und irgendwann zu Spanisch.
In Spanien angekommen waren wir plötzlich auf dem beliebtesten Abschnitt des Pilgerwegs in Richtung Santiago de Compostela. Auch wir fuhren viele Teile des Wanderweges, da sie zum EuroVelo 3 gehörten. So grüssten wir täglich unzählige Pilgerer mit «Buen Camino!». Die Route war streng, beinhaltete fast nur Gravel-Wege aber die Natur war dafür umso bereichernder. Wir genossen es!


Gesättigt von Eindrücken
Den Jakobsweg verliessen wir aber vor Santiago de Compostela und fuhren in Richtung Porto. Spätestens in Portugal angekommen waren wir froh um unser Garmin-Navigationsgerät, denn Fahrradschilder suchst du hier vergebens. Wir überquerten einige Pässe im Norden Portugals und genossen mal mit mehr, mal mit weniger Sonne dieses unfassbar tolle Land. Zwar kaum Velowege, aber wir fanden fast immer unbefahrene, asphaltierte Nebenstrassen, was uns nach den Gravelwegen in Spanien gerade Recht war.
Einmal in der wundervollen Stadt Porto angekommen, folgten wir dem EuroVelo1 an der Küste in Richtung Lissabon. Ein erneuter Sturm zwang uns zu Velopausen. So fuhren wir einige Strecken noch mit dem Zug, was in den Regiozügen Portugals kein Problem ist. Lissabon überraschte uns und wurde zum kulinarischen Highlight der Reise. Obwohl die Esskultur in vielen Ländern immer noch von Fleisch dominiert wird, fanden wir immer wieder vegane Möglichkeiten und kamen so mit Restaurantbesitzern ins Gespräch und es entstanden spannende Gespräche zum Beispiel über Fermentation.
In Lissabon spürten wir zum ersten Mal das Gefühl, gesättigt zu sein. Nicht vom Essen, sondern von Eindrücken. Eindrücke, die es täglich zu verdauen gilt. Wunderschöne Eindrücke aus der Natur, aus Gesprächen mit Einheimischen oder anderen Besuchern des Landes oder schreckliche Eindrücke wie aktive Stierkampfarenen. Das Fernweh und das Heimweh waren langsam wieder im Gleichgewicht, nachdem das Fernweh so lange stärker war. Wohin also mit uns? In die Algarven! Und das soll ein gemütlicher Abschluss werden.

Reiseabschluss im Süden
Wir radelten also in den Süden und durften die Algarven mit dem Velo in der Nebensaison erkunden. Wunderschöne Orte, die je nach Saison wahrscheinlich überfüllt sind, durften wir in Ruhe geniessen. Eine wunderschöne Region Europas zeigte sich uns von der schönsten Seite. Wochenlanger Sonnenschein und 20°C. Was hätten wir uns mehr als Abschluss wünschen können? Ende November machten wir uns auf in Richtung Sevilla, welches sich als unser «Ziel» herauskristallisierte. Wobei natürlich niemals ein Ort das Ziel war, sondern der Weg. Ein typischer Kalenderspruch und doch so wahr. Nach dem Erleben der Geburtsstadt des Flamencos machten wir uns auf nach Hause. Mit dem Zug natürlich. Das Verpacken der Velos leider unabdingbar zum Transport in den spanischen Hochgeschwindigkeitszügen. Die schwere Last mit allen Velotaschen und den Velos auf den Schultern zwar nur knapp stemmbar aber die Vorfreude auf zuhause riesig. Die etwa 15-stündige Heimreise bat Zeit zum Reflektieren. Das Reflektieren einer Reise, die so unperfekt perfekt war. Eine Reise, die uns veränderte und unsere Einstellung zum Leben formte. Eine Reise für uns und zu uns.

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