Nomaden auf dem Fahrrad: eine Reise ohne Ende

Die Veloplus-Kund:innen Marie und Michael Boeckle sind Fahrrad-Nomaden und seit über einem Jahr auf den Strassen der Welt unterwegs. In ihrem Reisebericht geben Sie Einblicke in das bisher erlebte. Doch Sie sind noch lange nicht am Ziel.


Reisebericht von Marie und Michael Boeckle

Zwei Jurassier, zwei Velos und ein Wunsch: aus der klassischen Schablone, in der wir erzogen wurden, auszubrechen, unsere Herzen und unseren Geist für die Welt um uns herum zu öffnen. So beschliessen wir, unsere jeweiligen Jobs – Notfallkrankenschwester und Uhrmacher – aufzugeben, um ein Leben als Fahrradnomaden zu führen.

Das einzige Ziel ist, uns selbst zu respektieren und nach unseren Werten und Wünschen zu leben. Keine Route im Programm, kein Ziel: Offenheit, Improvisation und Spontaneität sind angesagt. Auch in unserem Gepäck gibt es keine Beschränkungen, wir wollen einen qualitativ hochwertigen Alltag ohne Opfer. Unsere Bialetti-Kaffeemaschine darf also mit an Bord, ebenso wie einige Gesellschaftsspiele und sogar Massagekerzen.

Die Bialetti-Kaffemaschine ist natürlich dabei auf dieser Reise.

Aufbruch in ein neues Leben

Es ist ein Montagmorgen, der 1. März 2021, als wir von Maries Eltern zu Michaels Eltern aufbrechen. Wir verbringen den Tag mit einem guten und reichhaltigen Essen und gemeinsamen Kartenspielen mit unseren vier Eltern. Am späten Nachmittag brechen wir endgültig auf, fahren ein paar Kilometer und finden ein paradiesisches Stück Wiese, um uns niederzulassen. Wir sind glücklich, dass wir zusammen sind, wir sind stolz auf uns, dass wir mit dem Rad und dem Herz in der Hand in dieses neue Leben aufgebrochen sind.

Zu zweit auf einer Reise um die Welt ohne ein Enddatum.

Die Kilometer reihen sich aneinander und auch die Abenteuer. Die Temperaturen sind kühl, die Einschränkungen aufgrund der aktuellen Pandemie erlauben es uns nur selten, im Warmen zu sitzen. Wir geniessen das Glück, zusammen zu sein und in neue Länder zu radeln. Ein Land reiht sich an das andere, die Zeit vergeht, die Begegnungen werden immer zahlreicher: Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Estland. In Tallinn finden wir uns in einer Sackgasse wieder. Die Grenzen um uns herum sind geschlossen. Wir beschliessen, entlang der Grenzen zu fahren, bis wir eine finden, die uns akzeptiert.

Die Ukraine vor dem Krieg

Zurück nach Lettland, Litauen und Polen: Die Ukraine öffnet ihre Arme für uns. Dieser Grenzübertritt ist der erste ausserhalb des Schengen-Raums. Kontrollen und Kulturschock werden prophezeit. Die Strasse ab dieser Grenze ist ein kilometerlanger schlammiger Weg in einem Militärgebiet. Wir brauchen mehrere Stunden, um uns durchzuschlagen. Wir unterstützen uns gegenseitig und gegen zweiundzwanzig Uhr nimmt uns ein Bauer grosszügigerweise in seinem bescheidenen Haus auf. Er und seine Frau versorgen uns mit Essen. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache und brauchen das letztendlich auch gar nicht. Die menschliche Natur und die Energie, die diese Personen ausstrahlen, haben mehr Gewicht als Worte.

In diesem Land herrscht heute Krieg. Starke Gefühle und Emotionen überkommen uns, wir waren vor einigen Monaten erst dort. Das zeigt uns, wie schnell sich die Welt um uns herum verändern kann. Wir müssen vorsichtig und informiert bleiben. Viel Kraft für jeden, der in irgendeiner Weise von diesem Krieg betroffen ist. Wir denken an jede einzelne Begegnung auf ukrainischem Boden. Unsere letzten Tage in diesem Land sind geprägt vom Warten auf das Ergebnis eines PCR-Tests auf das Coronavirus an der Grenze, in der Nähe des Fährhafens nach Isaccea. Einige Arbeiter bringen uns Tee und Snacks zu unserem Zeltplatz. Bis zur letzten Minute werden wir verwöhnt.

Die Flucht vor der Hitzewelle

Rumänien empfängt uns, die Temperaturen steigen massiv an und es kommt zu einer Hitzewelle, die sich in diesem schönen Juni bemerkbar macht. Wir passen unsere Ausrüstung an und kaufen ein ultraleichtes Sommerzelt, das atmungsaktiver ist als unser robustes Vierjahreszeitenzelt, das sich für unseren Geschmack aber zu schnell aufheizt. Bulgarien, Serbien, Kosovo, Albanien, Nordmazedonien, Griechenland – es ist immer heiss, sehr heiss. Unsere Route wird von unserer neuen Priorität bestimmt: Wir versuchen, so wenig wie möglich unter der Hitzewelle zu leiden, die nicht nachzulassen scheint.

Der August kommt und die Türkei öffnet ihre Tore für uns. Mit der Überquerung des berühmten Bosporus gelangen wir nach Asien. Im September werden die Temperaturen etwas kühler, aber die Grosszügigkeit der Menschen, denen wir begegnen, lässt kein bisschen nach. Hast du schon einmal eine Wassermelone bekommen, die du auf deinem Fahrrad transportieren musstest? Stell dir vor, es sind zwei. Ganz zu schweigen von den Einladungen zum Teetrinken. Es vergeht kaum ein Tag ohne eine Tasse Tee.

Eine neue „Fahrradfamilie“

Der Herbst kommt und nach mehr als zwei Monaten in diesem unglaublichen Land empfangen uns in Georgien Kälte, Regen und Schnee. Köstliche Weine, Landschaften, die uns in Staunen versetzen, und wir fahren zum ersten Mal mit einem anderen Radreisenden. Aus dieser Begegnung entsteht eine sofortige und feste Freundschaft. Unsere Route führt uns weiter nach Armenien, wo uns ein Kampf um ein iranisches Visum erwartet: eine Gelegenheit, die Gemeinschaft der Radreisenden intensiv zu erleben.

Nach der Hitze kam der Schnee. Marie und Michael erleben alle Witterungen auf ihrem Abenteuer.

Unermüdliche Unterstützung, feuchtfröhliche Abende und stramme Pedaltritte sind an der Tagesordnung. Diese neue Familie ist sehr kostbar. Wir entgehen nur knapp dem Kriegsgebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan. Wir fahren in den Iran. Dort bleiben wir fast drei Monate. Es würde ein ganzes Buch füllen, um diese Erfahrung zu würdigen. Gastfreundschaft, Grosszügigkeit und Nächstenliebe sind hier tief verwurzelte Werte. Als unsere Freunde einen Unfall haben, hält die Familie der Reisenden zusammen und wir unterstützen uns gegenseitig, machen uns nützlich, um ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen. Wir können uns auch auf viele Iraner verlassen, die uns begleiten. Jeder von ihnen ist uns wichtig. Unser Visum läuft schneller ab als wir gucken können und wir nehmen ein Boot nach Dubai. Wir befinden uns über kurz oder lang wieder in einer Sackgasse. Wir beschliessen, ein Flugzeug nach Ruanda zu nehmen. Wir sind bereits seit einem Jahr unterwegs und haben nicht vor, es dabei bewenden zu lassen.

Alleine in der grossen weiten Welt.

Das Leben hängt manchmal an einem seidenen Faden, wir wissen nicht, was morgen sein wird. Geniessen wir jeden Augenblick, leben wir unsere Träume und wagen wir es, das Leben zu wählen, das wir wollen. Wir sind dankbar für jede Geste, jede helfende Hand, die unser Lebensprojekt möglich macht.

Marie und Michael Boeckle leben ihren Traum.

Veloplus bedankt sich ganz herzlich bei den beiden für diesen tollen Reisebericht. Wir hoffen, dass wir noch viele weitere spannende Geschichten von den beiden Fahrrad-Nomaden hören werden. Auf dem Blog von Marie und Michael, erfahrt ihr noch mehr zu ihrem Abenteuer: https://cyclobirds.wordpress.com/


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