Keine Helmpflicht für E-Bike-Fahrende – dafür für Kinder und Jugendliche?

Die allgemeine Helmpflicht für E-Biker:innen in der Schweiz ist vom Tisch. Dafür will der Bundesrat vom Parlament nun grünes Licht für ein Velohelm-Obligatorium für 12- bis 16-Jährige.

Wie Ende vergangener Woche aus der Medienmitteilung beziehungsweise aus der «Botschaft zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes» zu entnehmen war, will der Bundesrat eine Velohelmtragpflicht für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahre einführen. Er will damit die «Verkehrssicherheit für diese Personengruppe erhöhen», weil er festgestellt hat, «dass Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren von Velounfällen besonders stark betroffen sind». Nun soll der National- und Ständerat diesem Vorstoss zustimmen.

Das Thema Velohelmtragpflicht wird somit zum Dauerbrenner. Denn bereits im Herbst letzten Jahres entfachte in der Bevölkerung eine kontroverse Debatte über eine Velohelmtragpflicht für alle E-Bike-Fahrende. Diese Gesetzesverschärfung wollte der Bundesrat, dies als Antwort auf eine scheinbar steigende Anzahl schwerer Unfälle  (bis dahin galt dieses nur für E-Bikes mit Tretunterstützung bis 45 km/h). Doch daraus wird nun nichts, die Revision des Strassenverkehrsgesetztes wird keine Helmtragpflicht für E-Biker:innen enthalten. 60 Prozent lehnten den Vorstoss ab. Ebenfalls vom Tisch ist ein Obligatorium für das Tagfahrlicht am Velo.

Ein Helm-Obligatorium für alle E-Biker:innen ist vom Tisch, bestehen bleibt die Tragepflicht aber richtigerweise für die E-Biker:innen mit Unterstützung bis 45 km/h.

Doch zurück zum jetzigen Vorhaben, dem Velohelm-Obligatorium für Kinder und Jugendliche. Hinterfragen wir es einmal nüchtern und rational.  

Die Verkehrssicherheit erhöhen

Es ist wohl der wichtigste Punkt, der Fragen aufwirft. In welcher Form wird die «Verkehrssicherheit erhöht», wenn Jugendliche einen Helm anziehen müssen? Natürlich, sie sollten einen anziehen, aber müssen wir eine Pflicht dafür schaffen? Wird der Strassenverkehr deswegen sicherer? Wird der Unfall damit verhindert? Können sich damit die Jugendlichen auf Schweizer Strassen sicherer fühlen?

Fakt ist: Wir sprechen hier von glasklarer Symptom- und nicht Ursachenbekämpfung. Der Helm verhindert keinen einzigen Unfall. Wir tun also mit einem Obligatorium nicht wie vom Bundesrat empfohlen etwas für «die erhöhte Verkehrssicherheit» dieser Personengruppe, sondern betreiben Schadensbegrenzung. Wir sagen mit dem Obligatorium: Du musst dir einen Helm anziehen, dann ist dein Kopf beim (unvermeidbaren) Unfall besser geschützt.  

Es gibt eigentlich nur einen Punkt, der die Verkehrssicherheit erhöhen würde – und zwar nicht nur für die 12- bis 16-Jährigen, sondern für alle Altersgruppe: eine bessere und sichere Infrastruktur.

Warum diskutieren wir schon wieder über das Velohelm-Obligatorium?

Das Helm-Obligatorium für Jugendliche ist nicht neu. Bereits 2010 und 2011 ist kontrovers darüber diskutiert worden, ob Jugendliche – damals lediglich bis 14 Jahre – einen Helm tragen sollen beziehungsweise müssen. Kurz vor Weihnacht 2011, also fast punktgenau heute vor zehn Jahren, stimmte die grosse Kammer klar gegen das vom Bundesrat angestrebte Velohelm-Obligatorium. Mit 128:55 hat der Nationalrat die Vorlage abgelehnt, später auch der Ständerat.

Spannend sind die Gründe für das Scheitern des damaligen Vorstosses:

  • Die Befürchtung, das fördernswerte Velofahren mit einem Velohelm-Obligatorium für die sensible Jungend zu vergraulen
  • Der Fakt, dass über 70% der bis 14-Jährigen bereits (freiwillig) einen Velohelm tragen
  • Die Tatsache, dass ein Obligatorium nicht zielführend ist, viel mehr auf die Eigenverantwortung der Eltern und Jugendlichen gesetzt werden soll

Warum diskutieren wir nun nach zehn Jahren wieder über dieses Thema? Können die Jugendlichen immer schlechter Velofahren als früher, dass sie nun vermehrt verunfallen und sie mit einem Helm-Obligatorium vor sich selbst geschützt werden müssen? Oder hat der motorisierte Individualverkehr in den letzten zehn Jahren einfach noch mehr zugenommen und den Strassenverkehr aufgrund mässiger bis nicht stattfindender Infrastruktur-Entwicklung während der gleichen Zeitspanne gefährlicher gemacht?

Fakt ist: Im Fragebogen zu den Verordnungsänderungen, der zusammen mit der VE-SVG in die Vernehmlassung an 175 Kantone, Parteien, Verbände und interessierte Kreise verschickt wurde, hat sich keine Partei ausdrücklich für diese Vorlage geäussert, während mit FDP, GLP und SP drei klar dagegen waren. Elf Kantone lehnten den Vorschlag ebenfalls ab.  Insgesamt äusserten sich satte 73 Prozent der Vernehmlassungsteilnehmenden dagegen.

Zusammengefasst: Eigentlich will dieses Obligatorium im Gesetz (fast) niemand, ausser die Verkehrssicherheitsorganisationen. Daran hat sich seit dem letzten Vorstoss vor zehn Jahren scheinbar nicht viel geändert.

Praktikabilität des Velohelm-Obligatorium

Nehmen wir an, das Gesetz käme durch die Räte und stünde ohne ergriffenes Referendum in unseren Gesetzbüchern: Wie praktikabel wäre dieses Gesetz? Wer soll dieses Gesetz kontrollieren und durchsetzen? Ist die Kapazität dafür vorhanden? Wer soll für minderjährige, helmlose Gesetzesmissachter eine allfällige Geldstrafe bezahlen? Fragen über Fragen….

Veloplus ist nicht gegen einen Helm, im Gegenteil. Wir empfehlen ihn für jede (!) Altersgruppe und für jeden Einsatz auf dem Velo! Aber eine Velohelm-Tragepflicht ist nicht zielführend – erst recht nicht um die Unfälle zu reduzieren. Es ist schlicht nicht der Ursprung des Problems. Ziel muss es sein, zu sensibilisieren ab Kleinkindalter, sodass es selbstverständlich ist, einen Helm zu tragen und zeitgleich endlich die Infrastruktur ausbauen, um die Verkehrssicherheit aller zu erhöhen, dass die Unfallzahlen sinken. Denn wie gesagt: Ein Helm verhindert keinen Unfall.


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19 Kommentare

Marco
23. November 2021

Unfälle passieren. So oder so! Also warum nicht mit einem geschützten Kopf. Die Infrastruktur auf den Strassen ist unzureichend. Zweifelsohne! Doch bis dies zufriedenstellend ist, vergehen noch viele Tag und Jahre. Also auch hier, warum nicht mit Helm. Und wenn ein Kind gewohnt ist ein Helm zu tragen, wird es dies auch im Erwachsenenalter tun. Nochmals toll. Viele Eltern werden dem Obligatorium dankbar sein. Weil, weniger mühselige Diskussionen und: Unfälle passieren. Mit und ohne Helm.

    Veloplus – Roger Züger
    24. November 2021

    Hoi Marco
    Danke für deine Wortmeldung! Ich stimme deinen Worten zu – ausser ob die mühselige Diskussion entfällt, wenn der 13-jährige Sohn einen Helm anziehen muss und die 11-jährige Tochter nicht (zumindest nach Gesetz), ist mehr als zu bezweifeln. Dieses Obligatorium würde schlicht keinen Sinn machen, auch wenn wir jederzeit einen Helm empfehlen. Es geht auch ohne, wie wir auf den Schweizer Skipisten beobachten konnten.. Beste Grüsse

Heinz Gadient
24. November 2021

Ich bin für eine generelle Helmpflicht. Und für viele, vor allem ältere E-Velofahrerinnen, wünsche ich mir noch einen Fahrkurs.

peter kummer
1. Dezember 2021

eine helmpflicht bei jugendlichen und keine bei e bikerinnen ist schwer zu verstehen. entweder nützt ein helm oder nicht. unabhängig vom alter.
förderung von (baulicher?) verkehrssicherheit für velofahrer würde diese effektiver schützen.
dafür müssten e biker bis 45 km/h auf radwegen und fussgängerzonen verboten werden. ein e bike mit 45km/h im arbeitswegmodus ist viel gefährlicher als ein auto.

zusatzanliegen: e biker müssten zwingend ihre scheinwerfer kontrollieren und einstellen lassen. diese anmerkung als fussgänger und velo/autofahrer.

Hanspeter Aeberli
2. Dezember 2021

Verstehe ich das richtig : ein Helmobligatorium ab 12 bis 16 Jahre ? Der/die Elfjährige wäre davon nicht betroffen und Ältere schon gar nicht ? Scheint mir jetzt nicht gerade sehr logisch und wohl schwer durchsetz- und kontrollierbar. Ich gehöre zwar schon lange nicht mehr zur entsprechenden Altersgruppe, bin aber auf meinen rund 15000 Velokilometern/Jahr nie ohne Helm unterwegs. Das Ding hat mich schon einige Male zumindest von Kopfschäden bewahrt, die übrigen Wunden sind glücklicherweise immer verheilt. Dennoch bin ich gegen ein generelles Helmobligatorium auf dem Velo. Schlussendlich soll jeder sein Risiko selber abwägen und wem die schicke Frisur lieber ist setzt seine Prioritäten halt etwas anders….

Urs Schläpfer
2. Dezember 2021

Ich fahre ein „normales“ Mountainbike und zwar immer
mit Helm.
Meiner Meinung nach muss unbedingt ein Helmobligatorium
für alle beschlossen werden !
Frei nach dem Motto „Kluge Aersche schützen sich“

Urs Grossenbacher
3. Dezember 2021

In unserem Quartier tragen alle Kinder ihren Velohelm was ich sehr begrüsse. Schwere Kopfverletzungen können bleibende Schäden oder den Tod zur folge haben. Ich selbst bin nicht so konsequent, zum Einkaufen im Dorf trage ich ihn nicht, steige ich aufs Rennrad, ist er auch für mich Pflicht. Und schliesslich haben wir gerade einem viel dümmeren Gesetz zugestimmt.

Annette Dalcher
3. Dezember 2021

Die Köpfe der Erwachsenen sind nicht minder schutzbedürftig. Entweder ein Obligatrium für alle oder für niemanden.

Maurice Werner
3. Dezember 2021

Ich bin ja für eine allgemeine Helmpflicht!

Daniel
3. Dezember 2021

«Der Helm verhindert keinen einzigen Unfall.». Mit dem gleichen Argument könnte man auch die Gurtentragpflicht in den Autos aufheben.
Ich sehe keinen rationalen Grund, auf einen Helm und eine entsprechende Pflicht bei allen Verkehrsteilnehmern (Velos, E-Bikes, E-Trottis etc.) zu verzichten. Es sei denn, man argumentiert mit falsch verstandener Freiheit (wie es in letzter Zeit ja generell in Mode gekommen ist). Man schützt sich und erspart sich ggf. lebenslange Folgen schwerer Kopfverletzungen, man entlastet das Gesundheitswesen und die gesamte Gesellschaft.
Ja, Velo-Infrastruktur ausbauen unbedingt und zwar so grosszügig wie nur irgend wie möglich. Aber auch ja zu einer Helmpflicht, weil es einfach nur dumm ist darauf zu verzichten.

Markus Hardegger
3. Dezember 2021

Was mich an diesem Obligatorium stört, dass die schwächsten der Gesellschaft, die noch keine (politischen) Rechte haben, kriminalisiert werden. Es ist doch besser, die Eltern bringen den Kindern bei, wieso sie einen Helm tragen sollten. Dies ist keine Aufgabe des Staates und sollte auch nicht durch den Staat (Polizei) vollzogen werden.

U. Bratschi
3. Dezember 2021

Eine Helmpflicht für Kinder nützt sicher nichts, wenn nicht einmal die Erwachsenen sich dazu entschliessen können.
Ich verstehe die Argumentation von Veloplus überhaupt nicht!
Nun, beim Helm ist es wenigsten so, dass sich die „Nichträger“ nur selber schaden können (im Gegensatz zu den Impfberweigerer).
Mani Matter hatte es schon besungen …. Sie würden die Freiheit gewinnen, wenn sie so zu gewinnen wäre ….
Schade.

Richard Dähler
3. Dezember 2021

Ob man mit 24 kmh oder 26 stürzt und mit dem Kopf aufschlägt ist belanglos. Dem Helm verdanke ich viel, glücklicherweise hörte ich nicht auf die Gegner, ihnen tut der Kopf nicht weh, wenn es andere erwischt.
Lächerliche Diskussion wie über das Impfen.

Christian
3. Dezember 2021

Wo bleibt denn die Vorbildfunktion. Wenn schon dann für alle. Ich trage ihn freiwillig!

Tobias
3. Dezember 2021

Als Veloplus-Kunde verstehe ich den fortdauernden Einsatz gegen eine Helmpflicht nicht. Die Gurten sind beim Autofahren auch obligatorisch. Gerade die aktuelle Pandemie zeigt, dass leider nicht alle Menschen gleich viel Eigenverantwortung übernehmen. Bei Unfällen geht es zudem auch nicht nur um den Selbstschutz – indem schwere(re) Verletzungen verhindert werden, schützt man auch das Gesundheitswesen oder Angehörige davor, in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

Richi Bauer
3. Dezember 2021

Ich finde, das Helmobligatorium sollte für alle Altersklassen gelten! Wir haben nur den einen Kopf, brauchen wir in zum studieren, nicht, um in kaputt zu machen.

Felix Bucher
3. Dezember 2021

Mein Helm hat mir diesen Mittwoch sicher vor schweren Schäden bewahrt (Helm gebrochen). Wenn ich denke das man mit einem Rennrad ohne einen Helm einen Pass runter fahren darf, läuft es mir kalt den schmerzenden Rücken runter. Helmpflicht für alle.

Olivier
3. Dezember 2021

Die Hinweise von Peter Kummer, insbesondere „Breitschüsse“ gegen S-Peds, sind nicht so zielführend. Gerade bei den S-Ped zeigt sich, wo das Thema ist: Anstand, Eigenverantwortung, Rücksichtnahme und Partnerschaft. Da liegt der Hund begraben, den auch kein Helmobligatorium zu lösen vermag. Für meine 700 m zum Dorfladen auf der Quartierstrasse brauche ich den Helm vielleicht nicht. In der Stadt wird er leider immer überlebenswichtiger. Kluge Köpfe schützen sich von sich aus. Dazu brauchen sie nicht noch ein zusätzliches Gesetz.

Ruedi von Mühlenen
3. Dezember 2021

Für mich ist es keine Frage ob Helm oder nicht. Wenn ich aufs Bike gehe hab ich den Helm schon auf. Ich weiss wie es ist wenn man unter einem Auto liegt und zum Glück den Helm auf hatte.
Kinder auf dem Velo unbedingt immer mit Helm. Aber die Eltern auch. Oft sieht man Familien mit dem Rad unterwegs. Die Kinder haben den Helm auf nicht aber die Eltern. Was sind das für Vorbilder ?? Normal gebildete Menschen bräuchten eigentlich kein Gesetzt, denen kommt es von selber in den Sinn, dass man mit einem Helm seinen Kopf schhützt. Abere eben…………

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