Mitarbeiter im Fokus: Das erste Post-Covid-Rennen von Ianis Caratti

In unserer Rubrik «Mitarbeitende on Tour» stellen wir in einer losen Serie Veloplus-Mitarbeitende vor, die ihre Velopassion leben und zelebrieren. Heute: Ianis Caratti, der für ein 40-minütiges Radrennen 20 Stunden Fahrt nach Erfurt (DE) auf sich nahm.

Ein Erlebnisbericht von Ianis Caratti

Es ist gerade 6 Uhr in der Früh und ich warte am Bahnhof Frankfurt seit drei Stunden auf meinen Anschluss. Schlafen ist keine Option, da meine Begleitung – mein Velo – sich bei einer Entführung nicht wehren kann. Zeit für ein Blick zurück, bevor die Gedanken sich aufs Rennen fokussieren.

Seit letzter Saison habe ich mich vom Zuschauer zum Rennfahrer gewandelt und bestreite auf der Offenen Rennbahn in Oerlikon die wöchentlichen Dienstagabendrennen. Wenn mich Leute fragen, warum ich Rennen fahre, lautet die Antwort: «Richtig hart in die Pedale treten macht am meisten Spass.»

Denn es geht beim Rennenfahren nicht darum, die Tour de France zu bestreiten. Es geht darum, während des ganzen Rennens in den Kurven durchzutreten, mindestens eine richtige Attacke mitzufahren und beim Zielsprint mutig vorzupreschen. Das Ganze spielt sich an dunklen Orten der Schmerzen ab. Hier fühlt sich keiner der Fahrer wohl, doch die Hoffnung an den Sieg treibt sie an.

Endlich wieder ein Rennen

Eine kleine Ewigkeit ist seit meinem letzten Rennen vergangen. Den letzten Ernstkampf bestritt ich in einer kleinen Karthalle in Berlin Mitte. Ende Februar, vor 1000 Zuschauern und über 15 Rennstunden – begleitet von dröhnender Musik. Doch dann kam Corona. Die Rennbahnen waren geschlossen, die Dienstagabendrennen für die ganze Saison abgesagt. So lange Pausen gibt es dank Radquer nicht einmal über den Winter. Doch nun sind die Rennen zurück, auch wenn unter anderen Umständen.  

Das letzte Rennen von Ianis in der prallgefüllten Karthalle in Berlin Mitte.

Ich freute mich riesig, im Frühling zu hören, dass gutelaunesport.de Ende Juni ein Criterium durchführen will. Das Rennen soll auf zwei Etagen eines Parkhauses stattfinden, wobei im unteren Stock Nebelmaschine und Musikanlage auf höchster Stufe den Lärmpegel in die Höhe schiessen lassen sollen. Das reizte mich – die Anmeldung habe ich sogleich abgeschickt.

In der Woche des Rennens selbst musste das Event wegen Klagen der Gesundheitsbehörde abgesagt werden. Dank Anpassungen und Sicherheitsvorkehrungen konnte es nun doch stattfinden. Nur angemeldete und registrierte Fahrer, Physios, Mechaniker und Masseure durften aufs Gelände. Zuschauer gab es keine. Musikanlage und Rauchmaschine blieben ebenfalls aus. Ausschliesslich personalisierte Bidons und Handtücher durften benutzt werden, die persönlichen Daten werden vier Wochen gespeichert, um im Falle einer Ansteckung handeln zu können.

Der Rundkurs des Criteriums in Erfurt (DE).

Und so lauten die Regeln
– Das Startfeld wird auf 60 Fahrer limmitiert
– Es werden vier Vorläufe a 15 Teilnehmer gefahren
– Die besten sechs Fahrer aus jedem Vorlauf kommen in den A-Final
– Die Fahrer auf den Plätzen 7 bis 12 kommen in das B-Final
– Die Fahrer auf den Plätzen 13 bis 15 scheiden aus
– Die Startaufstellubg erfolgt an einem Zugewiesenen Platz mit 1,5 m Abstand.

Der Fromstand ist ungewiss

Samstag: Gleich nach der Arbeit mache ich mich auf die Reise. Wie meistens reise ich mit dem Zug an. Ob Mailand, Berlin, Köln oder Erfurt, der Zug ist halt einfach Öko, und man hat das Fahrrad im Auge. Und trotz Corona war ich dank spezifischen Intervalltrainings und einer zehntägigen Winforce Randensaft Cycle-Ernährung einigermassen ernsthaft vorbereitet. Echte Rennhärte kann aber nur durchs reale Rennenfahren entstehen und so bin nicht nur ich, sondern alle Teilnehmenden etwas ungewiss über ihren Formstand.

Es ist geplant, dass ich um 11 Uhr die erste Qualifikation fahre – unter anderem mit sechs Fahrern vom Alive Inside Racing-Team. Das Sextett hat natürlich einen taktischen Vorteil gegenüber einzelnen Fahrern, was sich in einem nur 15-köpfigen Fahrerfeld besonders bemerkbar macht.  Glücklicherweise passt der Veranstalter dieses Missgeschick noch rechtzeitig an, sodass ich mich um 12.30 Uhr in einem fair gemischten Feld für das Finale beweisen kann. Die Strecke ist mit siebzehn 90-Grad-Kurven und zwei Schikane sehr technisch.

Achtung, fertig, los

Aber gleich auf den ersten Metern kann ich mich vom achten Platz an die Spitze katapultieren. Die zwei Rechtskurven nehme ich mit dem Schwung aus dem Blitzstart, was mir auf der ersten Geraden bereits einen Vorsprung von 10 Metern einbringt. In den folgenden sieben Runden kann ich die Pace halten und den Vorsprung ausbauen. So gelingt es mir, mit 20 (!) Sekunden Vorsprung als Qualifikationssieger über die Ziellinie zu fahren – ob das taktisch clever war?

Ianis feierte im Qualifikationslauf einen Start-/Zielsieg.

Nun kann ich herunterfahren, chillen und essen, dauert es doch vier Stunden bis zum nächsten Start. Denn jetzt folgen die Frauenrennen und das B-Finale der Herren. Ich versuche, während der Pause möglichst wenig zu gehen oder zu stehen, um mich schnellstmöglich zu erholen. Viel lieber philosophiere ich mit anderen Fahrern über Übersetzung, Lenkerbreite, Vorbausteifigkeit, Reifenwahl sowie Luftdruck. Ich habe auf meinen Felgen beispielsweise den Pirelli P-Zero 25c aufgezogen und fahre mit 4 Bar Luftdruck. Das ganze mit Latexschläuchen, um noch weniger Rollwiderstand zu erreichen.

Ebenfalls aus Zürich ist Jan Rodel, ein Velomechaniker, angereist. Wir wärmen uns zusammen auf der Rolle auf. Um locker auf der Strasse zu fahren, haben die Räder zu grosse Gänge. Da würden die Beine sofort ermüden. Darum ist eine Freirolle von Vorteil. Auf der Freirolle haben wir keinen Luftwiderstand zu bewältigen, da sie an Ort und Stelle bleiben, dafür eine höhere Trittfrequenz.

Die Entscheidung

Und dann ist es soweit. Die Fahrer werden einzeln zum Start aufgerufen und die Nervosität ist deutlich zu spüren. Dank meines Qualifikationssiegs darf ich mich als Vierter an den Start stellen. Mein Plan: Nicht ganz vorne mitfahren, damit ich vom Windschatten profitieren kann – jedoch genug weit vorne, um aufs Renngeschehen reagieren zu können.

Ein Auge habe ich auf den Sprinter Tim Ceresa vom Team Look Crit. Dies in der Hoffnung (oder Illusion?), dass ich ihn nach 15 Runden à 1,5 km bzw kurz vor der Ziellinie möglicherweise überholen könnte, ist er doch der grosse Favorit.  

Ianis (hinten) fährt von Beginn an in der Spitzengruppe mit.

Ich komme schnell in die Pedale und kann als Dritter durch die ersten Kurven pedalieren. Im Nachhinein ganz wichtig, gab es im hinteren Teil des Feldes doch Stürze und viel Chaos, obwohl alle Fahrer die Strecke mit Besichtigung und Qualifikation bereits 50-mal abgefahren haben. Aber so ist es in einem Final. Geschenkt wird sich nichts.

Nach sieben Runden besteht die Spitzengruppe noch aus sechs Fahrern. Zwei davon aus dem Team Rose, das massgeblich verantwortlich für die kleine Spitzengruppe ist. Sobald einer der beiden führt, fährt der Zweite von ganz hinten mit Schwung an die Spitze. Während der bis dato Führende normal weiterfährt, ist die Konkurrenz gezwungen, die Lücke mit viel Kraftaufwand zu schliessen, wobei sich der Rose-Fahrer vornehmlich im Windschatten wieder nach vorne kutschieren lässt. Dasselbe Spiel wiederholten die beiden x-mal. 

Ich kann mich zwar noch in der Spitzengruppe halten, die starke Beschleunigung nach jeder Kurve sowie die unermüdlichen Attacken machen mir aber zu schaffen. Habe ich bei den Qualifikationsläufen meine Kräfte verpufft? Meine Beine würden sagen «Ja». Bis zur letzten Runde kann ich mich in der Spitzengruppe halten, danach wird das Tempo markant verschärft. Ich muss abreissen lassen. Schlussendlich fahre ich als Sechster über die Ziellinie. Gewonnen hat der Favorit.

Ianis (vorne) schreckt in Kurven nicht zurück und attackiert seine Konkurrenten.

Mit dem Resultat bin ich zufrieden, auch wenn mich meine perfekte Quali-Fahrt mit dem Sieg zu viel Kraft gekostet und ein noch besseres Abschneiden verhindert hat. Nach einem spassigen Renntag gehts über die schöne Altstadt von Erfurt zurück zum Bahnhof, um am nächsten Tag wieder im Veloplus-Laden Zürich zu stehen, damit ich meine Passion weiterleben kann.

Screenshot: Hier gehts zum Rennbericht von ARD (rechts im Bild Ianis).

IANIS CARATTI (25)

Bei Veloplus seit:
März 2018
Arbeitsort:
Veloplus-Laden Zürich HB
Funktion:
Verkaufsberater / Ergonomie-Experte
Wo man mich auf dem Velo trifft:
Offene Rennbahn in Oerlikon oder auf dem Üetliberg
So viele Velo besitze ich:
1 Cyclocross
1 Rennvelo: Schmolke TLO
1 MTB-Hardtail
1 Bahnrad
1 Pendlervelo
Lieblingsprodukt aus dem Veloplus-Sortiment:
SQUIRT LUBE Kettenwachs
Lieblingsessen nach einer Tour:
Ich trinke lieber ein Getränk
Lieblingsgetränk nach einer Tour:
Bier

2 Kommentare

Charles Staerkle
31. Juli 2020

Hey Ianis
Superleistung „in der Höhle der germanischen Löwen“. Frage: Du fährst mit 4 Bar – praktisch Plattfuss? Auf der Strasse fahre ich (80 kg) min. 8 Bar…
Charles

ianis
6. August 2020

Ciao Charles

Danke für deine lobenden Worte nach diesem Kräfte raubenden Ernstkampf.
Mit 4 Bar klebt das Rad richtig gut in den Kurven aber ich wiege keine 80kg. Probier mal 7 Bar. Wenn dir das Fahrgefühl gefällt dann langsam immer weniger. Vorsicht vor Absätze und Schlaglöcher.

Gruss aus der schönen Schweiz
ianis

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