CHAMASILU – zurück zu den Wurzeln

Yiying Shao und Pascal Steiner legen 22’000 Kilometer durch 21 Länder zurück und landen in Yiyings Heimatstadt Shanghai.

Yiying Shao und Pascal Steiner fahren in 369 Tagen entlang der Chamasilu von Zürich nach Shanghai. Der Name cha-ma-si-lu setzt sich aus den vier chinesischen Wörtern (Tee), (Pferd), (Seide) und (Strasse) zusammen, mit denen sich zwei alte Handelsrouten beschreiben lassen. Die beiden folgen dabei der historischen Seidenstrasse nach China und anschliessend der Tee-Pferde-Strasse durch Osttibet nach Südostasien. Ihr Weg führt sie schliesslich zurück nach China bis zur Geburtsstadt von Yiying. Dabei legen sie 22’000 Kilometer zurück und durchqueren 21 Länder.

Es ist Ende Februar 2018. Nach aufreibenden viereinhalb Monaten Planung ist der Tag der Abreise greifbar nah. Die Temperaturen bleiben bis zuletzt im zweistelligen Minusbereich, doch rechtzeitig zum Start soll das Quecksilber wieder steigen. Am Tag unserer Abreise gilt es noch, das Visum für Iran in Bern abzuholen – bis zur Einreise bleiben uns maximal 90 Tage. Wir schauen aus dem Fenster und können es kaum glauben. Es schneit. Da bei geringsten Schneemengen in Zürich der öffentliche Verkehr kollabiert, kämpfen wir uns zu Fuss zum nächsten S-Bahnhof und erwischen knapp den Zug nach Bern. Mit dem Visum im Gepäck und einige Stunden später als erwartet sitzen wir am Nachmittag auf unseren Velos und fahren im Schneegestöber gegen Osten.


REISEINFOS


Die Route führte über die Schweizer Alpen in die italienische Po-Ebene nach Kroatien und bis in die Türkei. Nach einem kleinen Abstecher nach Georgien und Armenien folgte die Fahrt durch den Iran, bevor Yiying und Pascal durch Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan bis an die chinesische Grenze pedalierten. Um vor Wintereinbruch Osttibet zu erreichen, nahmen die beiden den Zug. Im Anschluss führte die Tour in den Süden mnach Myanmar, Thailand und Laos – und von dort auf direktem Weg zurück nach China und nach Shanghai, der Heimat von Yiying.
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Überraschender Wintereinbruch in Osteuropa

Nach einem verschneiten Start über die Alpen queren wir bei mässigem Wetter die italienische Po-Ebene und freuen uns auf Frühlingssonnenstrahlen in Kroatien. Doch uns sollte das nicht vergönnt sein. Das Wetter bleibt kalt und nass und nach drei Tagen entlang der zerklüfteten Küstenstrasse entscheiden wir uns, ins Landesinnere nach Bosnien und Herzegowina vorzustossen. Hier entfaltet die Natur ihre volle Pracht, indem sie die langgestreckten Täler zwischen sanften Hügeln im Wasser ertrinken lässt. Doch mit dieser Szenerie geht auch das entsprechende Wetter einher. Nach weiteren Tagen im Regen und teilweise Sturm arbeiten wir uns zur montenegrinischen Grenze vor. Die erste Nacht in Montenegro verläuft turbulent: Unser Zelt fällt nach einem unerwarteten Schneefall in sich zusammen. Wir kriechen also um Mitternacht unter einer dicken Schneedecke hervor und müssen unser Zelt erneut spannen. Am Morgen wachen wir in einer verschneiten Winterlandschaft auf. Zurück auf dem Velo kämpfen wir uns im Schneesturm auf unaufgeräumten Strassen über Nikšić bis nach Podgorica ins Tal. Das garstige Wetter begleitet uns weiter in Albanien bis nach Griechenland, dafür sollte der beginnende Frühling umso schöner werden.

Gluthitze in Turkmenistan

Bei bestem Wetter geht unsere Reise weiter quer durch die Türkei mit einem Abstecher nach Georgien und Armenien bis in den Iran. Nach sechs Wochen im Land der Gegensätze und unzähligen Einladungen, Geschenken und neuen Freundschaften machen wir uns bei steigenden Temperaturen in Richtung turkmenische Grenze auf. Einerseits ist es aufgrund der eingeschränkten Visavergabe ein Privileg, Turkmenistan zu bereisen, andererseits aber auch ein hartes Stück Arbeit, da die 500 Kilometer durch die Wüste in lediglich fünf Tagen zu bewältigen sind. Dennoch ist die Vorfreude bei uns riesig. Die Ausund Einreiseformalitäten sind erst nach über drei Stunden durchgestanden und als wir unseren täglichen Wasservorrat von zehn Litern pro Person aufgefüllt haben, zeigt das Thermometer bereits 45 Grad (!) im Schatten. Während die Luft in der Ferne flimmert und uns der Wind höllisch ins Gesicht bläst, quälen wir uns in der erbarmungslosen Mittagssonne über die unbefestigte Strasse. Die beste Fahrzeit für heute ist definitiv vergangen. Jenseits der Zivilisation können wir uns im Schatten eines Checkpoints ausruhen, bevor wir am späteren Nachmittag wieder auf unsere Räder steigen. In der nach wie vor unerträglichen Hitze müssen wir mehrmals absteigen und erholen uns unter den länger werdenden Schatten der Fahrräder. Erst mit Einbruch der Dunkelheit werden die Temperaturen angenehmer und der Gegenwind lässt nach. Gegen Mitternacht legen wir uns erschöpft ins Zelt und nach einer kurzen Nachtruhe sitzen wir bereits vor dem Morgengrauen auf unseren Velos. Diesen Tagesrhythmus behalten wir die kommenden vier Tage bei, bis wir Usbekistan erreichen. Es folgt der erste Ausläufer des Pamir-Gebirges im westlichen Tadschikistan, wo wir endlich in angenehmere Höhenlagen vorstossen.

Höhen und Tiefen

Von Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, geht es weiter ostwärts auf dem Pamir Highway, der zweithöchsten Fernverkehrsstrasse der Welt, Richtung chinesische Grenze. Während wir entlang des Grenzflusses Pandsch unterwegs sind, der die Länder Tadschikistan und Afghanistan trennt, dürfen wir gerade die Gastfreundschaft einer tadschikischen Familie erleben. Doch wir erfahren dabei auch von einem schrecklichen Ereignis: Nur wenig westlich von uns verübte ein Automobilist einen Terroranschlag auf sieben Velofahrer. Vier von ihnen, darunter ein Schweizer, lassen dabei ihr Leben. Die Terrororganisation IS beansprucht später den Anschlag für sich. Einerseits sind wir überwältigt von der Herzlichkeit, andererseits hegen wir danach Misstrauen gegen die Bevölkerung. Bei jedem sich nähernden Auto schauen wir angespannt in den Rückspiegel – stets bereit, den Lenker im Notfall herumzureissen. Wir entscheiden uns, ohne weitere Umwege nach China zu fahren. Dabei passieren wir auf über 4000 Metern über Meer die endlosen Weiten des Pamirs – landschaftlich mit Abstand der schönste Teil unserer Reise –, bis wir schliesslich mit dem Kulma-Pass China erreichen. Jenseits der Grenze thronen mit beinahe 8000 Metern Höhe die höchsten Gipfel des Gebirges weithin sichtbar über der Wüste Taklamakan.

Auf der Fahrt auf über 4000 Meter über Meer entlang des Pamir-Highways in Tadschikistan.

Auf Umwegen Richtung Ziel

In China besteigen wir für einmal den Zug, um wie geplant vor Einbruch des Winters in Osttibet zu sein. Ursprünglich haben wir beabsichtigt, über Südwestchina bis nach Hongkong zu fahren. Hierfür wären wir jedoch auf die Gutmütigkeit der chinesischen Visabehörden angewiesen. In einer Grossstadt bemühen wir uns um eine Verlängerung von Pascals zweimonatigem Visum. Wir erfahren, dass dies in unserem Fall nur in Shanghai möglich sei. Um unseren ökologischen Fussabdruck nicht unnötig zu strapazieren, verzichten wir auf den vierstündigen Hin- und Rückflug. Stattdessen möchten wir in der verbleibenden Zeit möglichst weit nach Süden fahren, um anschliessend nach Myanmar auszureisen und noch vier weitere südostasiatische Länder bereisen zu können. Mit neuer Motivation im Gepäck machen wir uns auf, durch die vorwiegend von Nomaden genutzten Hochlandsteppen Osttibets zu fahren. Aufgrund unserer Sprachkenntnisse erfahren wir viel von der lokalen Bevölkerung und dem hier gelebten Buddhismus. Derweil passieren wir bei leichtem Schneegestöber den höchsten Punkt unserer Reise – den Pass Kuluke Mountain –, bevor es ins Quellgebiet von Mekong und Jangtsekiang geht. Letzterem werden wir beinahe 9000 Kilometer später in Shanghai wieder begegnen.

Eindrückliche Gastfreundschaft

In Mandalay angekommen erleben wir einen Kulturschock. Ist in China vieles geregelt, so finden wir uns in Myanmar – das frühere Burma – mitten im Gewusel wieder. Es ist gewöhnungsbedürftig, doch wir geniessen dieses unkomplizierte Leben. Auch unsere tägliche Suche nach einem Zeltplatz gestaltet sich ungleich schwieriger, da wir in Südostasien sehr schnell von neugierigen Gesichtern umringt sind oder unseren Platz mit Krabbeltieren, Schlangen und dergleichen teilen. In Myanmar kommt hinzu, dass Ausländer in lizenzierten Hotels übernachten müssen. So kommt es, dass wir nachts mehrmals von der Polizei ins nächste Hotel eskortiert werden. Wir passieren jedoch täglich annähernd ein Dutzend Klöster und dürfen die Gastfreundschaft der Mönche erleben. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten nächtigen wir später in Thailand, Kambodscha und Laos Auf über 4708 Meter über Meer passieren wir in China den höchsten Punkt unserer Reise: Kuluke Mountain. Auf der Fahrt auf über 4000 Meter über Meer entlang des Pamir Highways in Tadschikistan. Frühmorgens in Turkmenistan: Die beiden Kinder verlassen gerade ihr Nachtlager auf dem Dach, um für uns ihr kleines Geschäft zu öffnen. des Öfteren in buddhistischen Tempeln. Nie werden wir abgelehnt, und es gibt immer eine einfache Waschgelegenheit. Wir erleben gesellige Abende mit Einheimischen, welche die Klöster ebenfalls für ihren Aufenthalt auf ihrer Durchreise nutzen.

Unvergessliche Abenteuer

Diese Warmherzigkeit und Offenheit der Bevölkerung haben wir insbesondere in Ländern mit wenig materiellem Wohlstand erfahren. Mit der Prosperität eines Landes geht auch oftmals die Qualität der Strassen einher. In Kambodscha fahren wir durch die Kardamom-Berge, eines der letzten intakten Regenwaldgebiete in Südostasien. Die anfangs noch asphaltierte Strasse geht schnell in eine holprige Piste über und endet in einem zerfurchten Weg. Mit schlechten Versorgungsmöglichkeiten und hoher Luftfeuchtigkeit verlangen uns die Steigungen alles ab. Schiebepassagen und Fahren in Schrittgeschwindigkeit sind keine Seltenheit. Nach zwei Stürzen und drei platten Reifen binnen dreier Tage haben wir mit dem menschenleeren Strand in Koh Kong (Kambodscha) den südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Von da führt uns unser Weg nordwärts durch Laos und Vietnam zurück nach China. In den letzten zwei Monaten im Reich der Mitte lässt uns Petrus wie zu Beginn unserer Reise im Stich. Der nicht enden wollende Regen peitscht uns bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ins Gesicht, während wir immer wieder von unachtsamen LKW-Fahrern knapp überholt werden. Wir fragen uns in diesen Augenblicken vermehrt nach dem Sinn der Sache – doch Aufgeben kommt nicht in Frage. Als wir an einem späten Nachmittag Shanghais erreichen, entscheiden wir uns spontan, am selben Tag den Schlussstrich zu ziehen. Nach weiteren 70 Kilometern sind wir um Mitternacht im Herzen der Metropole. Nach über einem Jahr endet unser Abenteuer in Yiyings Heimatstadt. Allen schwierigen Erfahrungen zum Trotz: Rückblickend möchten wir diese nicht missen, denn es sind oft die intensivsten Momente, die für immer in Erinnerung bleiben.


YIYING SHAO (09.06.1984 – 15.11.2019)

Es war der Wunsch von Yiying, die abenteuerliche Reisereportage im Fahrtwind mit Gleichgesinnten zu teilen. So dürfen wir eintauchen in eine unglaublich erlebnisreiche Geschichte, die Yiying nie wird lesen können. Denn unerwartet ist sie im Alter von nur 35 Jahren aus dem Leben gerissen worden. Nicht auf der 22’000 Kilometer langen Veloreise, sondern als Velofahrerin auf dem Weg zur Arbeit. Yiying verstarb an den Folgen eines Verkehrsunfalls am Zürcher Letzigraben. Noch immer sind wir fassungslos, zutiefst betroffen und in Gedanken bei Yiying; und bei Pascal, der den Wunsch seiner Frau mit dieser Geschichte verwirklichen möchte.

Hier erfahrt ihr mehr über die Reisen von Yiying und Pascal.

1 Kommentar

kitanorofri
2. Mai 2020

Wir hatten das Privileg, Ying gekannt zu haben. Sie hat uns währen 4 Monaten virtuell begleitet auf unserer Reise mit ÖV entlang der Seidenstrasse; zu gleicher Zeit aber in umgekehrter Richtung.

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