Twentyniner – top oder flop?

Dienstag 17. Mai 2011

Author: Michael by Veloplus

Social Media Verantwortlicher und Redaktor bei Veloplus.

Twentyniner-Bikes etablieren sich auf dem Markt. Viele Hersteller führen gleich mehrere im Modelljahr 2012. Die Meinungen zu den grossen Reifen gehen aber auseinander. Auch innerhalb des Veloplus-Teams. Verkaufsberater Andy Mühlemann und Reifen-Produktmanager Markus Flückiger erklären dir in unserem Blog ihre unterschiedlichen Standpunkte.

Contra:

Andy Mühlemann, Verkaufsberater und Fahrradrahmenbauer:

Man muss nur wenig von Physik verstehen, um zu erkennen, dass die angeblichen Vorteile der 29er schlicht ein Witz sind. Der Angriffswinkel zum Überrollen eines Hindernisses verbessert sich bei einem 29er gegenüber einem 26 Zoll Rad gerade mal um 0.87 Grad. Bestätigt wird das im Bericht eines Bike-Magazins. Die Auflagefläche des Reifens ist durch den grösseren Raddurchmesser zwar länger, doch leider ist somit auch mehr Material im Walkprozess begriffen. Folglich müsste der Rollwiderstand sogar höher sein. Da Kreiselkräfte in der dritten Potenz zunehmen, wirkt sich alles was mit Beschleunigung und Verzögerung zu tun hat, doppelt negativ aus.

Des Weiteren sind grössere Räder und Rahmen schwerer, weniger steif, instabiler und schwieriger zu transportieren. Bergauf werden die Gänge durch den grösseren Radumfang anstrengender, die Bremswirkung nimmt ab. (Bremsscheibengrösse zu Radgrösse, Hebelwirkung) Bedingt durch die grösseren Räder haben 29er weniger Federweg, da der Lenker sonst zu stark gegenüber dem Sattel angehoben würde – die Steigfähigkeit wird beeinträchtigt.

Andy Mühlemann (links) nimmt nicht allzu technische Singletrails sogar auf 19 Zoll Reifen in Angriff. Markus Flückiger sieht sein 29er als perfekte Ergänzung zu seinem 26er-Bike.

Pro:

Markus Flückiger, Produktmanager Reifen:

Zuerst möchte ich sagen, dass 26er- und 29er-Bikes gleichermassen Vor- und Nachteile haben. Ich bin aber aus persönlicher Erfahrung überzeugt, dass die 29er mehr als eine Modeerscheinung oder gar Marketinggag sind. Wer einmal mit den grösseren Rädern gefahren ist, spürt sofort die höhere Traktion, welche die grössere Auflagefläche mit sich bringt. Dank den grossen Räder rollen 29er ganz einfach besser über Hindernisse. Gerade auf wurzeligen Singletrails ist das ein grosser Vorteil, man kommt richtig flowig durch. Der Unterschied ist aber auch auf Kiesstrassen spürbar. Der zusätzliche Grip macht sich bei der Spurtreue, insbesondere in Kurven, positiv bemerkbar und verleiht dem Bike ein gutmütiges Fahrverhalten. Dank der höheren Lenkposition hat man sein Bike auch auf anspruchsvollen Abfahrten gut im Griff. Das macht die 29er auch für Gelegenheitsbiker interessant.

Wichtig ist jedoch, dass Hersteller Komponenten und Übersetzungen auf die grösseren Räder anpassen. Durch die grösseren Rotationskräfte werden breitere Lenker erforderlich. Gerade bei den neuen 2×10 Übersetzungen sind die Standard 26-39 Kettenblätter für Hobbyfahrer oft zu gross. Specialized verbaut hier z. B. eine Spezialübersetzung mit 24-38 und geht damit in meinen Augen den für die breite Masse richtigen Weg. Ich möchte mein Twentyniner nicht mehr hergeben. Für mich ist es die perfekte Ergänzung zu meinem „normalen“ Bike.

Top oder Flop? Was ist deine Meinung zu den 29ern?

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 17. Mai 2011 um 08:11 und abgelegt unter News, Veloplus inside. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

15 Kommentare über “Twentyniner – top oder flop?”

  1. Spoony schrieb:

    Nicht polemisieren, nicht entweder – oder, nicht top – oder flop, sondern einfach eine weitere Auswahl im reichhaltigen Menü der Mountainbikes. Jedem sein Rad und im Zweifel einfach mal Probefahren…

  2. Weiss schrieb:

    Top
    Kann ich nur sagen. Bin1.93 groß und fahre
    Seit 1 Monat 29 er. War in der Toscana. Einfach genial…….

  3. Vazifar schrieb:

    Interessante Sichtweisen. Die Contra-Seite mit Rechenbeispielen, die Pro-Seite mit Fahreindrücken 🙂
    Die ganze Theorie über die verschiedenen Grössen mag ja stimmen, doch die 29er muss man im Gelände ausprobieren um sich ein Urteil zu bilden.
    Die Shimano SLX Kurbel FC-M665 2-fach Standard Kurbel hat übrigens 22-36 Zähne. Die ist in meinen Augen sehr gut für die „Normalen“ 29er Biker geeignet.

  4. Philip schrieb:

    Bin diese Woche das erste Mal mit einem 29er gefahren. Und zwar auf Trails, welche ich schon vor 20 Jahren gefahren bin. Hab mich schon vom ersten Moment an wohl gefühlt und finde 29er im Unterland eine geniale Sache. Ich denke auch, dass Einsteiger und technisch weniger versierte FahrerInnen sich mit einem 29er sehr wohl fühlen. Drum ist’s auch in den USA so beliebt..

  5. Markus Flückiger schrieb:

    @Vazifar: Stimmt, die ist echt Cool. Schade dass nur bis 36T und gemäss Shimano nicht mit dem 10fach Dynasys-System komptatibel. Was aber auch in der Praxis zu überprüfen wäre…

  6. Chris schrieb:

    Ich bin noch nie auf 29ern Mountainbikes gefahren. Allerdings wechsle ich mehrmals wöchentlich zwischen 26-Zoll- und 28-Zoll-Alltagsvelo (das jetzt ja ebenfalls „29er“ genannt werden darf). Wenn es dabei um Wendigkeit geht, enge Kurvenradien gefahren werden müssen und steile Steigungen zu bewältigen sind, bin ich um mein 26-Zoll-Velo froh. Das 29er hat Vorteile in der Laufruhe, sicherlich auch beim Bergabfahren.

    Aber sind wir ehrlich: Es ist bloss ein Marketing-Gag, 28-Zoll-Velos nun „29er“ zu nennen und als Neuheit zu preisen. So haben die zahlungskräftigen Schweizer einen Grund mehr, sich ein neues (= zweites) Bike zu kaufen.

    Dass in diesem Umfeld Tretlager-Garnituren mit nur 2 Rizeln von der Industrie gepushed werden ist bloss eine längst nötige Entwicklung: Nabenschaltungen holen Marktanteile zurück und niemand braucht 27 Gänge, deren Übersetzungen sich mehrmals überschneiden…

  7. Horst schrieb:

    Auch ich bin noch nie auf „echten“ 29ern gefahren und teile voll deine Aussagen.

    Damit ich bei den Leuten sein wollte, müsste ich mir jetzt noch zwei 29er kaufen, Hardtail UND Fully…
    Und je mehr Bikes/Velos/Fahrräder ich im Keller habe, umso weniger wird das einzelne gefahren, umso länger halten sie dann meistens auch noch. Also müsste ich mir immer weniger oft ein neues Bike kaufen. Nur wie soll ich das meistern, wenn der hippe Lifecycle der Räder immer kürzer wird? Welch ein Dilemma…

  8. rittiner & gomez schrieb:

    dieser beitrag verunsichert uns eher, als das er uns weiterbringt.

  9. Oliver by Veloplus schrieb:

    Guten Tag
    Das war natürlich nicht unsere Absicht. Am Besten probieren Sie einen 29er aus und machen sich ein eigenes Bild. Denn immer wo es etwas zu beurteilen gibt, existieren mindestens zwei Meinungen ;-).
    Gruss
    Oliver Lutz

  10. Chris schrieb:

    @ Rittiner & Gomez: Tja, leider ist’s nicht so glasklar, dass neue Entwicklungen immer besser sind. Vor allem wenn es sich dabei um alten Wein in neuen Schläuchen handelt.

    Wer stets daran glaubt, was die Werbung verspricht, der kaufe sich ruhig ein „Twentyniner.“ Es könnte allerdings sein, dass man nach einziger Zeit merkt, dass das Gefährt gar nicht besser ist als das frührere 26-Zoll-Bike…

    Das einzig positive an dieser Entwicklung ist, dass nun auch für 28-Zoll-(Stadt-)Velos eine grössere Auswahl an leichten Federgabeln existiert. Vorher waren 28-Zoll-Gabeln eine Domäne der Stadtvelos, verfügten nur über kurzen Federweg, waren technisch nicht immer ganz auf der Höhe und wogen tonnenschwer.

    Dank den Twentyniners baut die Industrie jetzt technisch ausgereifte leichte Federgabeln, die auch an Stadtvelos passen. Dies ist immerhin ein positiver Effekt (leider der einzige).

  11. Tschusepp schrieb:

    Etwas steif dieser Blog…Ich bin 1.74 gross, technisch nicht unbegabt und habe nach einer Testfahrt mit einem Scott gewusst: 29er, das ist es..Mein Santa Cruz Blur verkauft und einen Tallboy gekauft…und bin glücklich!!

  12. Oliver by Veloplus schrieb:

    Hallo Giuseppe
    Danke für den Kommentar. Wenn du Ideen oder Anregungen für den Blog hast: Immer her damit . 😉

  13. Knitter schrieb:

    Merkwürdig, dass ein Test der Hochschule Köln ergeben hat, dass die Auflagefläche bei 29ern kaum größer ist und schon gar nicht messbar. Die Marketingmaschine für die 29er kann also sogar ziemlich subjektive Gefühle erzeugen…

  14. Samuel schrieb:

    Also ich erschrecke, was ich hier lese. Ich bike seit 1990 jede Woche und fahre ca. 4000km im Jahr Bike. Der Unterschied vom 26 zum 29 ist imens. Ausser das wenige Mehrgewicht gibts keine Nachteile von 29er Bikes. Man fährt jeden Trail doppelt so schnell und doppelt so schwierige Passagen. Die 29er rollen überall drüber. Verkauft eure 26er Gurken und entdeckt das richtige Biken.

  15. Michael by Veloplus schrieb:

    Hallo Samuel

    Danke für deinen Kommentar. In der Tat gibt es immer weniger Biker, die auf 26 Zoll schwören. Gerade kleine Personen aber werden auf einem 29er nicht zwangsläufig glücklicher. Mittlerweile bieten sich auch 27,5-Zöller als Alternative an. Ich selber fahre immer noch eine 26er-Gurke und bin happy damit, weil ich den starken Antritt und die Handlichkeit daran schätze. Gerade für solche „Nostalgiker“ sind jedoch 27,5-er eine interessante Alternative. Ich gehe aber auch davon aus, dass die Zukunft der 29ern gehört.

    Gruss, Michi

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