Südchina by bike

Sonntag 12. Oktober 2014

Author: Michael by Veloplus

Social Media Verantwortlicher und Redaktor bei Veloplus.

Zusammen mit ihrem Mann und ihren vier Kindern hat Susi Rutz-Rothacher eine 400 Kilometer lange Veloreise durch eine der ärmsten Südprovinzen Chinas unternommen. In ihrem Reisebericht erzählt sie eindrücklichen Erlebnissen, kulturellen Eigenheiten – und vom Privileg auf einem frisch geteerten Strasse unterwegs zu sein. Ein Gastartikel von Susi Rutz-Rothacher. 

«Was uns bevorsteht, ahne ich, als unsere Übersetzerin (eine chinesische Studentin) probiert aufs Fahrrad zu steigen. Verzweifelt sucht sie das Gleichgewicht, was nun folgt ist eine Stunde Fahrradunterricht, bis sie es schafft selber aufzusteigen und auf Teer geradeaus zu fahren. Schalten, bremsen und Holperstrassen sowie fahren bei Regen lernt sie später kennen. Dieses Problem überrumpelte uns, denn wir hatten gedacht, dass China das Land der Fahrräder sei. Wir hatten eine zehntägige Velotour von 400 Kilometer durch gebirgiges Gelände geplant. Wir, das sind zwei Eltern und vier Teenager, welche mehr über chinesische Kultur erfahren wollten.

Gebiet

Guaxi, lange eine der ärmsten Provinzen in China und so gross wie England, liegt in Südchina. Guilin, eine Vier-Millionen-Stadt, ist das regionale Zentrum. Sonnenhut und Sonnencreme kann man in der Nähe der Dörfer (ein bis zwei Millionen Einwohner) sparsam verwenden, weil eine graue Smogdecke die Sonne filtert. Eine Atemschutzmaske und Schutzbrille sind deutlich nützlicher.

Von Ziyuan bezwangen wir zuerst ein paar Bergpässe und durchquerten Gebiete der Mao Bergvölker, um anschliessend dem Li- und Yulongriver entlang durch die berühmten Karstberge zu radeln.

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Sechs Langnasen und eine Einheimische hatten per Minibus die Daxiahotsprings 100 Kilometer nördlich von Guilin erreicht. Zum Aufwärmen, obwohl der Schweiss auch ohne Bewegung floss, erklommen wir den Bajiaozhai Peak. Wie alles in China hat auch sein Name eine Bedeutung und heisst so viel wie Drachenberg.

Kaum losgefahren mit den Bikes, begrüssten uns alle auf der Strasse mit lautem bis ohrenbetäubendem Hupen. Bald begriffen wir, dass immer gehupt wird beim Überholen. Viel schwieriger sind das Abzweigen und Überqueren der Strassen. Nach vielen Selbstversuchen kamen wir zum Schluss, dass der Sturere gewinnt.

China Velo

Es begann der Aufstieg Richtung Longsheng Riceterraces. Bald kamen wir an eine Verzweigung mit vielen chinesischen Zeichen. Wir entschieden uns für die Schotterpiste, weil dort alle Autos fuhren. Nach wenigen Metern rief uns ein Melonenverkäufer, und nach dieser köstlichen Erfrischung deutete er auf die andere Strasse. Diese ist im Bau und darf nur von Fahrrädern befahren werden. So genossen wir 30 Kilometer «Veloweg» durch subtropische Wälder gespickt mit Reisterrassen. Erholen konnten wir uns jeweils in den geschmacksvoll angelegten Hot Springs Resorts.

Sanitäres

Die Sanitäranlagen in China sind einzigartig: Manchmal besteht die Toilette nur aus einer Plättchenreihe mit Abfluss und ist ohne Zweifel einfacher zu reinigen als unsere WC-Anlagen. Wer WC-Papier verwenden möchte, muss es mitbringen und nachher in einen Abfalleimer legen. Im Hotel hatten viele Waschbecken den Ablauf direkt auf den Boden und überschwemmten – wie auch die Dusche – das Badezimmer.

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Arbeit

Jedes Haus hat mehrere gegen die Strasse offene Räume. Egal, ob man einen Fernseher reparieren, mit der Familie zu Abend essen oder ein Schwein schlachten will – das ist der passende Ort. Nach dem Schlachten nimmt die Familie ein Brett und verkauft das übrige Fleisch direkt am Strassenrand. Ebenso angeboten bekommt man lebende Frösche (in Säcken zu zehn Stück) oder lebende Hühner und Enten.

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Braucht man in China Gemüse, geht man einfach auf die Strasse in einem Dorf, wo die Bäuerinnen aus der Umgebung ihre Sachen auf einem Tuch feilbieten. In den Läden kauft man statt Snickers und Pringles Entenköpfe und frittierte Hühnerfüsse.

Essen

Nach einem Tag auf dem Bike kamen wir hungrig in Caoping an. Die Spezialität der Gegend sind Reisnudeln. Wir genossen den Sonnenuntergang mit einer Schifffahrt durch die Karstberge und suchten dann ein Restaurant. Zu unserer Enttäuschung werden Nudeln nur zum Frühstück angeboten und so assen wir ein weiteres Mal im heissen Wok gedämpften Reis mit Gemüse.

Ich bin auf Entzug. Als Dessertliebhaber fehlt mir in der chinesischen Küche der Zucker. Als wir in Hongkong ein Baguette kaufen, merken wir, dass auch unsere Kaumuskulatur wieder Training braucht.

Strassen

Unsere Velotour führt uns nicht nur durch die malerischen Karstberge, sondern auch vorbei an unzähligen Reisterrassen. Oft sehen wir die typischen Tempel und Tore, oder die langen Hängebrücken wecken unsere Abenteuerlust, und wir probieren sie vorsichtig zu überqueren. Überrascht sind wir, als beim Aufbruch ein Motorrad die besagte Brücke mit voller Geschwindigkeit befährt.

Grundsätzlich werden überall neue Strassen gebaut. Da die grossen Strassen stark befahren und schmutzig sind, versuchen wir die kleineren Strassen zu finden. Dies ist nicht einfach, denn wir besitzen nur ausgedruckte Karten von Google Maps. So kommt es vor, dass wir manchmal wunderschöne Velowege haben oder auf Trampelpfaden mitten im Gebüsch zwischen Reisfeldern die Fahrräder stossen müssen.

Unsere Übersetzerin muss an der Kreuzung oft fragen, welches die richtige Strasse ist, denn wir wissen nur den Namen der nächst grösseren Stadt und orientieren uns oft an der Sonne. Was wir nicht verstehen ist, dass dies immer ein sehr langes Gespräch gibt und für uns vom Tonfall her wie Streit tönt.

Touristen

In den Dörfern sind die Frauen für den Touristenfang zuständig. Kaum haben wir angehalten wollen sie uns schon Bambusschifffahrten verkaufen. Am Hafen sehen wir dann, dass die Boote aus sechs aneinander gemachten Plastikrohren bestehen. Wir verladen unsere sieben Fahrräder inklusive Velotaschen und Leuten auf zwei dieser Boote und geniessen eine zweistündige Schifffahrt durch die schönsten Karstberge am Liriver.

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Einkindpolitik

Wir bekommen viel Aufmerksamkeit von den Chinesen, nicht nur weil man hier Roller oder Toyota fährt und wir mit unsern vollbepackten Fahrrädern exotisch sind, sondern auch als sechsköpfige Familie. Im Land der Einkindpolitik ist die Fernsehwerbung darauf ausgerichtet, wie man sein Kind noch mehr verwöhnen könnte.

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Unsere Übersetzerin ist ein typisches Beispiel der chinesischen Einkindpolitik. Sie ist sehr verweichlicht und verwöhnt und zeigt wenig Selbstvertrauen und Durchhaltewillen. Wir vermuten, dass ihr Vater deshalb die Velotour für eine gute Lebensschule gehalten hat. Die Eltern investieren alles in ihr Kind – zuerst als Kleinkind in materielle Güter und jetzt in ein teures Collegestudium in den USA. Dort muss sie sich von der Collegekantine ernähren, weil ihr Zimmer zwar eine Kochnische hat, sie aber nicht kochen kann. So hat sie viel Heimweh nach China und chinesischem Essen.

Was wir in China immer wieder hören: Eine Familie mit vier Kindern. Ihr müsst glücklich sein.»

 

Infos & Tipps

Einreise: EU-Bürger & Schweizer brauchen ein Visum für China und einen noch mindestens drei Monate nach dem Besuch gültigen Reisepass

Sprache: Offizielle Landessprache ist Mandarin (Chinesisch). Englisch ist auch in Peking selten nützlich. Zählen mit den Händen auf Chinesisch ist hilfreich.

Klima: Ideal im Frühling und Herbst, im Sommer heiss und schwül

Übernachtungsmöglichkeiten: einfache Hotels in den Städten Doppelzimmer 500 RMB (50 Euro), auf dem Land DZ 100 RMB (10 Euro) Wir hatten nichts vorreserviert und nie Probleme, vier Zimmer im gleichen Hotel zu finden.

Essen: Viele Restaurants, immer mit Stäbchen. Typischerweise Reisnudeln oder wässerige Reissuppe zum Frühstück. Abendessen aus dem Wok: Verschiedenste Gemüse und Fleisch, Schärfe kann gewählt werden, dazu Reis.

Karten: Stadtpläne sind erhältlich und downloadbar. Auf dem Land Ausdrucke von Google Maps und Google Earth mitbringen (in China gesperrt).

Fahrräder: www.bikeasia.com (Mountainbikes mit Scheibenbremsen und Fahrradtaschen). Viele geführte Standardtouren sind wählbar, intensive Beratung per Mail bei individuellen Wünschen. Transport zu anderen Ausgangspunkten und Begleitfahrzeug sind ebenso möglich

 

Websites:

http://www.travelchinaguide.com/cityguides/guilin.htm

http://www.visitguilin.org/

http://www.chinahighlights.com/guilin/

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 12. Oktober 2014 um 14:18 und abgelegt unter Allgemein, Gastartikel, News, Veloreisen. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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